01.02.2020 | Allgemein Seite 106-109 in Ausgabe 2/2020

Caparol: Den Tunnelblick »hautnah« erleben

Im Sinnestunnel in Chemnitz erleben Besucher hautnah, wie sich alters- oder krankheitsbedingte Einschränkungen anfühlen. Caparol wirkte an der außergewöhnlichen Konzeption mit und hat die anspruchsvolle Farb- und Oberflächengestaltung beigesteuert.

Wie nehmen ältere Menschen einen Raum wahr, wenn ihr Sehvermögen eingeschränkt ist? Wie bewegen sie sich durch ein Zimmer, wenn ihr Muskeltonus nachlässt? Welche Wirkung hat Beleuchtung auf Demenzkranke, wie fühlen sie sich damit? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Interessierte seit kurzem in Chemnitz: Dort nämlich ist ein beeindruckender Sinnestunnel entstanden, in dem Besucher auf 30 m² hautnah erleben können, wie sich das Leben und Wohnen im Alter und mit entsprechenden Einschränkungen anfühlt. Der Tunnel bildet den Eingang zum »WohnXperium«, einer Erlebniswelt rund ums Wohnen und Arbeiten. »Mit dem Sinnestunnel wollen wir bei den Teilnehmern ein Bewusstsein für die immense Wirkung von Licht, Farbe und Boden schaffen, ihre Sensibilität schulen – und zeigen, wie sich schon durch kleine, geschickte Änderungen große Verbesserungen erzielen lassen«, erklärt Alexandra Brylok vom Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften e.V., der das »WohnXperium« federführend initiiert hat.

Demenztypische Einschränkungen werden simuliert
Bevor die Besucher den Tunnel betreten, haben sie die Wahl zwischen verschiedenen »Accessoires«, die alters- beziehungsweise demenztypische Einschränkungen simulieren: Dunkle Brillen schränken ihre Sicht ein oder nehmen sie sogar ganz. Kopfhörer lassen nur noch wenige Geräusche durch. Und Handschuhe vermindern das Tastgefühl.
So ausgerüstet fühlt sich mancher Besucher urplötzlich um Jahrzehnte gealtert und soll sich nun seinen Weg durch den Tunnel bahnen. Zunächst betritt der Besucher einen Abschnitt, der aussieht wie jeder zweite deutsche Hausflur vor 20 Jahren: Linoleum auf dem Boden, graue Raufaser an der Wand, und von oben leuchten Deckenspots ungnädig herab. Die Besucher merken schnell, dass das kühle Grau die Raumdimensionen verschwimmen lässt. Die grellen Deckenspots werfen unschöne Schatten, die gerade demenzkranken Menschen oft Probleme bereiten: Sie fühlen sich in solchen Lichtsituationen verfolgt und bekommen Angst vor dem Schatten, der mit ihnen wandert.
Über eine Schwelle – mit Seheinschränkung eine ungewohnte Hürde – geht es von der Flur- in eine Wohnraumsituation. Auf den nächsten Metern bewegen sich die Tunnelbesucher durch verschiedene Farbwelten, über unterschiedliche Bodenbeläge und durch wechselnde Beleuchtungssituationen. Die Atmosphäre ändert sich mit jedem Schritt ein wenig – weg von lieblos-nüchtern und hin zu aufwendig-akzentuiert.

Verschiedene Wanderlebnisse
Der Innenputz etwa wird bald feiner und ist zudem mit »Metallocryl« von Caparol beschichtet, sodass er sich viel glatter anfühlt: Das ist wichtig für Menschen mit Seheinschränkungen, die sich oft an der Wand entlangtasten – auf Dauer schmerzen raue Oberflächen an den Fingern. Es folgt eine Wandfläche, die mit der Linie »Capaver ElementEffects« im Design »Dot« gestaltet ist: Aus der Wand steigen kleine Punkte auf, die nicht nur toll aussehen, sondern auch eine angenehme Haptik mitbringen. Schnell zeigt sich außerdem, dass Grau nicht gleich Grau ist: Statt dem kühlen Farbton im Flurbereich finden sich im Tunnelverlauf warme, freundliche Grautöne, die für eine heimelige Atmosphäre sorgen.
Nun macht der Tunnel eine 90-Grad-Kurve – gar nicht so einfach, wenn man schlecht sieht, hört oder fühlt. Ein farblich und haptisch abgesetzter Führungsstreifen hilft den Besuchern deshalb bei der Orientierung und leitet sie sicher um die Ecke. Hier nun geht es besonders hochwertig und elegant zu. Mit »Capadecor Stucco Eleganza« wurde ein beeindruckender Perlmuttglanz aufgebracht, aufgetragen mit der Venezianerkelle. Ein paar Schritte weiter findet sich eine spiegelglänzende Wand aus »Capadecor StuccoDecor Di Luce« – ebenfalls eine anspruchsvolle Malerarbeit. Natürliche Rot- und Blautöne unterstreichen die edle Wirkung der Wandgestaltungen und sorgen für Kontraste. »Wenn die Leute schließlich den Ausgang erreichen, sind sie oft total überrascht, manche fast sogar schockiert«, erzählt Brylok weiter. »Viele sind über alters- und erkrankungsbedingte Einschränkungen in der Theorie sehr gut informiert. Aber selbst ganz praktisch zu fühlen und zu spüren, was es eigentlich bedeutet, nur noch wenig zu sehen oder zu hören, ist einfach etwas ganz anderes.«

Geballtes Know-how von Caparol
Entwickelt hat Alexandra Brylok den Sinnestunnel gemeinsam mit einem Projektteam, in dem Experten verschiedener Disziplinen ihr Know-how zusammentrugen. Mit im Boot war – neben der TU Chemnitz, dem Institut für Holztechnologie gGmbH, der Firma Waldmann sowie Forbo, Hersteller hochwertiger Bodenbeläge –, auch Eva Helterhoff vom Caparol-FarbDesignStudio. Sie zeichnete verantwortlich für die Entwicklung der Farb- und Oberflächengestaltung. »Von der schlichten Raufaser bis hin zu effektvollen Wandgestaltungen ist im Tunnel alles dabei. Unser Ziel war es, die Oberflächen fein aufeinander abzustimmen und die Farbtöne miteinander korrespondieren zu lassen. Beides galt es zudem in Einklang mit dem Bodenbelag zu bringen und an verschiedene Beleuchtungen anzupassen.« In die Gestaltung des Tunnels ließ die Innenarchitektin viel Wissen aus dem Kompendium »Lebensräume« der Themenreihe »Colours that care« von Caparol einfließen, das gleichermaßen funktionale wie auch atmosphärische Farbharmonien für das Wohnen im Alter vorstellt.
Die anspruchsvollen Maler- und Bodenbelagsarbeiten übernahmen die Spektrum Malerwerkstätten aus Chemnitz, beratend zur Seite stand ihnen Caparol-Vertriebsmitarbeiter Ronny Rümmler. »Der Sinnestunnel war natürlich auch für uns ein außergewöhnliches Projekt«, erzählt Spektrum-Geschäftsführer Andreas Herold. »Wir hatten es dort mit sehr vielen verschiedenen Arbeitsprozessen zu tun, die es in kurzer Zeit auf vielen kleinen Flächen auszuführen galt. Da war sehr exaktes Arbeiten nötig.« Umso mehr freute er sich, nach Eröffnung des Sinnestunnels selbst einmal mit dunkler Brille hindurchzugehen: »Unser Sehsinn ist immerhin unser wichtigster Sinn. Das, was wir selbst an Flächen erarbeitet haben, einmal mit eingeschränkter Sicht zu erleben, war auch für mich sehr interessant.«

Katharina Mandlinger

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