Dr. Schutz: »Fusion mit Zukunft«
Im Dezember 2024 wurde die Übernahme des deutschen Familienunternehmens Dr. Schutz durch die französische Blanchon Group offiziell bekanntgegeben. »Nachdem die Entscheidung getroffen war, dass keine Nachfolge aus der eigenen Familie zur Verfügung steht, haben mein Bruder und ich entschieden, die Nachfolge in Führung und Inhaberschaft frühzeitig und sorgfältig vorzubereiten«, so Dr. Karl-Michael Schutz, Mitglied der Dr.-Schutz-Geschäftsleitung. »Entscheidend war für uns eine langfristige Wachstumsperspektive für unsere Firmengruppe, die seit 1968 als Familienunternehmen geführt wurde.« Frank Knott, Mitglied der Dr.-Schutz-Geschäftsleitung: »Ich bin seit 1986 in diesem Unternehmen. Gemeinsam haben wir in den letzten Jahrzehnten etwas Tolles aufgebaut. Es ist für uns selbstverständlich, dass wir zusammen mit dem neuen Inhaber die richtigen Weichen in den nächsten Jahren stellen wollen. Wir sind hochmotiviert, uns begeistern die sich aus dem Zusammenschluss ergebenden Entwicklungsmöglichkeiten für Unternehmen, Mitarbeiter und Kunden.
Frei nach Udo Jürgens hat ihr Leben noch nicht mal richtig angefangen, und doch erreichten Dr. Schutz, 60, und Knott, 65, in den letzten Jahren bereits gehäuft Kaufanfragen. »Man sieht es uns ja auch an, dass wir sicherlich in zehn Jahren nicht mehr die Geschicke des Unternehmens leiten werden«, erklärt Dr. Schutz dazu lakonisch. Und so begann man vor rund vier Jahren damit, sich zu sortieren und Nachfolgemöglichkeiten innerhalb der Familie zu suchen. Als sich dabei allerdings herausstellte, dass es von Unternehmensseite keinen Nachfolger geben würde, mussten neue Überlegungen her. »Für uns war eines entscheidend: Wie schaffen wir es, dass wir die Weichen so stellen, dass alles, was damit verbunden ist, erhalten bleibt«, erklärt Dr. Schutz. »Uns war bei der Überlegung besonders wichtig, dass unsere Mitarbeiter, aber auch die Standorte, die Tochterunternehmen und Lizenzpartner eine Zukunft haben – auch über unsere Zeit hinaus. Ich denke, es ist typisch für ein Familienunternehmen, so zu denken und sich frühzeitig zu kümmern; so sollte es zumindest sein.«
Der Entscheidungsprozess
Schnell waren die Kriterien »Kontinuität« und »Stärkung des Unternehmens« als Zielvorgabe ausgemacht. »Doch schon beim Thema Kontinuität fielen einige Interessierte raus, denn wir wollten keinen Käufer, der Cherry Picking betreibt und so das gewachsene Erfolgskonzept auseinanderpflückt«, blickt Dr. Schutz zurück. »Uns war vielmehr klar, dass wir jemanden brauchen, der unser Geschäftsmodell begreift und versteht, dass wir vor allem deshalb so erfolgreich sind, weil wir uns immer darauf fokussiert haben, den Zyklus des Bodenbelags vom Einbau bis hin zur Entsorgung optimal zu begleiten. Alles also, was die Werterhaltung und Renovierung von Bodenbelägen angeht, ist unser Job – und um den auch in zehn oder 20 Jahren noch erfolgreich managen zu können, bedarf es meiner Einschätzung nach eines Inhabers, der bereit ist, Dr. Schutz diesen Weg als eigenständiges Unternehmen und mit eigener Führung weitergehen zu lassen – auch wenn wir beide mal nicht mehr dabei sind.«
Die Wahl fällt auf Blanchon
Blanchon war nicht der Einzige, mit dem man enge Gespräche führte, doch die Dr.-Schutz-Geschäftsleitung selektierte weiter. Denn das Geschäftsmodell zu verstehen, war nur eine Bedingung an den neuen Inhaber. »Eine weitere war die kulturelle Übereinstimmung«, erklärt Dr. Schutz: »Wir haben festgestellt, dass Familienunternehmen bei vielen Entscheidungsprozessen einfach anders ticken als große Konzerne. Bei den Zukäufen von Blanchon in den letzten Jahren handelt es sich ausschließlich um Familienunternehmen mit Tradition und regionaler Stärke (siehe Kasten). Und da merken wir schon jetzt, dass wir in der Gruppe alle die gleiche Kultur pflegen – also kurze Entscheidungswege und Langfristperspektiven, was bei einer Investorengruppe sonst nicht unbedingt ein Thema ist.« Knott ergänzt: »Auch dass wir gesehen haben, wie Blanchon mit den anderen Zukäufen in den letzten Jahren umgegangen ist und dass sich diese nach wie vor auf dem Markt bewegen, war für unsere Entscheidung sehr wichtig – denn wir wollten schließlich nicht, dass eine Kannibalisierung stattfindet.« Am Ende fiel die Entscheidung auf Blanchon, denn hier wurden »alle Kriterien, die für uns wichtig waren, hervorragend erfüllt«, freut sich Dr. Schutz. »Zwar bedeutet sie eine Übernahme unserer Anteile, aber gleichzeitig richtet der neue Inhaber die Aufgabe an uns, unser Geschäftsmodell als Dr. Schutz GmbH mit Hauptsitz in Deutschland in die nächste Generation zu führen.«
Win-win-Situation
Auch die Blanchon Group kann mit dem Deal äußerst zufrieden sein, denn der deutschsprachige Raum ist von ihr bislang noch nicht besetzt. Um aber europaweit einer der führenden Anbieter für Oberflächenbehandlungen werden zu können, brauchen sie im wichtigsten europäischen Markt eine starke Präsenz. »Deshalb war das Interesse der Blanchon Group auch so groß, um zu sagen, Dr. Schutz ist in Deutschland von der Marke her sehr stark, er ist Marktführer in seinem Bereich, er passt zu uns!«
Ein weiterer Mehrwert für Blanchon war die Kernkompetenz des deutschen Unternehmens unter anderem im elastischen Bereich, wofür Dr. Schutz neben der reinen Pflege noch Produkte für die Sanierung von Böden mit dem PU-System entwickelt hat. Dr. Schutz: »Zum Thema Werterhaltung und Renovierung von elastischen Böden hat die Blanchon Group bisher nur die Industrielacke im Angebot. Sie kann als Gruppe zwar auf die Kompetenzen von Spezialisten und sogar Marktführern zurückgreifen und dadurch beste Lösungen für alle möglichen Bodenbeläge anbieten. Die Oberflächen, die bisher aber fehlen und wirklich wichtig sind – Linoleum, Kautschuk und PVC –, diese Lücke füllt jetzt Dr. Schutz.« Knott fügt hinzu: »Die Blanchon Group hat dafür wiederum andere Schnittstellen, die wir bisher nicht bedienen. So können sich sinnvolle Synergien für beide Firmenbereiche ergeben, damit wir unsere Marktpositionen jetzt theoretisch in Segmenten ausbauen könnten, die wir bis dato noch gar nicht auf dem Schirm haben.« Möglichkeiten sieht er hier etwa im Bereich werkseitiger Lacke, der für Dr. Schutz bisher eine Art »Black Box« ist, sowie in der Entwicklung weiterer Optionen für das malerlastige Geschäft, etwa durch Produkte für den Außenbereich und andere Oberflächen.
Der deutsche Standort bleibt
Wichtig war dem Käufer auch, dass Dr. Schutz mit seinem Produktions- und Entwicklungsstandort in Hessisch Oldendorf voll funktionsfähig aufgestellt ist und noch Potenzial da wäre, um das Werk gegebenenfalls zu vergrößern.
»Es wird alles in Deutschland bleiben – und das halte ich auch für besonders wichtig, denn unser Geschäftsmodell funktioniert nur so gut durch die Fokussierung und die kurzen Entscheidungswege am Standort.
Auch die Kompetenzen, die sich vor Ort entwickelt haben, müssten anderswo erst wieder aufgebaut werden«, erklärt Dr. Schutz.
Hessisch Oldendorf wird also der Produktions- und der Entwicklungsstandort innerhalb der Gruppe sein für alles, was elastische Bodenbeläge angeht, denn es bedürfe auch in Zukunft einer Kernkompetenz in Deutschland, die die Entwicklung und Beratung im elastischen Bereich forciert. »Und da werden wir die anderen in dem Bereich -sicherlich mitziehen und beliefern. Umgekehrt erwarte ich, dass wir bei Produkten, die wir selbst nicht oder nur in kleinen Mengen produzieren, auf die Entwicklungs- und Produktionskompetenz innerhalb der Gruppe zurückgreifen können. Die Standorte bleiben also bestehen und ich gehe davon aus, dass sie sogar wachsen und ausgebaut werden.«
Breiteres Spektrum
Dr. Schutz fasst es zusammen: »Eine neue Perspektive für Dr. Schutz ist einmal, dass wir als Gesamtgruppe nun ein viel breiteres Spektrum abdecken können, denn wir sind jetzt mit anderen Spezialisten im Boot, was etwa die Entwicklung von Oberflächenfinishs angeht. Und das zweite ist, dass sich das Volumen der Gruppe über die -Jahre dadurch sicherlich deutlich vergrößern wird – davon bin ich absolut überzeugt.« Man müsse sich allein einmal vorstellen, was es für Dr. Schutz bedeutet, den elastischen Bereich auch für den französischen Markt zu bedienen, wo man bisher nicht groß ist, führt er weiter aus. Und auch umgekehrt sei es naheliegend, den deutschen Markt über die Kernkompetenz von Dr. Schutz hinaus weiterzuentwickeln: »Wir haben jedenfalls das Bestreben, dass wir das jetzt internationalisieren in einer Art und Weise, wie wir es bisher noch nicht kannten.«
Markenausbau
Dr. Schutz verrät weiter: »Mit ›Dr. Schutz‹ sind wir in Deutschland eh schon der Treiber und es werden sich durch den Verkauf nicht viele neue Impulse ergeben. Für die Marke ›Eukula‹ hat die Blanchon Group allerdings den Anspruch, dass wir im größten europäischen Markt irgendwann eine marktführende Position erreichen. Ohne Details nennen zu können, aber es kann definitiv damit gerechnet werden, dass wir enorm investieren in diesen Markt.« Die Marke wird also nicht eingestampft, sondern vielmehr weiter ausgebaut und in Deutschland weiterentwickelt werden – »und das von der Fokussierung und vom Volumen her deutlich größer, als wir das je geplant haben«.
»Das Gleiche gilt für den gesamten Holz- und Baustoffhandel«, ergänzt Knott. »Natürlich sind wir da heute schon vertreten, aber nur mit einem eingeschränkten Sortiment. Perspektivisch können wir uns sehr gut vorstellen, auch dieses Segment viel intensiver anzugehen, denn der Holz- und Baustoffhandel ist für unser Dafürhalten auch in Zukunft ein sehr wichtiger Player. Jetzt haben wir einfach ganz andere Möglichkeiten, um dort deutlich mehr Markt machen und Potenziale konsequenter nutzen zu können. Wir wollen Gas geben – aber das machen wir eh immer!«
Zusammenschluss von Familienunternehmen
Das französische Familienunternehmen Blanchon wurde 1832 gegründet und ist auf die Herstellung von Schutz- und Dekorationsbeschichtungen für Holz- und Vinylsubstrate im Innen- und Außenbereich spezialisiert. In seiner fast 200-jährigen Geschichte mauserte sich das Unternehmen mit seinen Lacken, Ölen, Reinigungs- und Pflegemitteln zum französischen Marktführer im Bereich Professional und hat sich darüber hinaus mit der DIY-Marke »Syntiflor« in Frankreich einen großen Namen gemacht. Last, but not least bieten die Franzosen Industrielacke sowohl für den Holz- als auch den elastischen Bereich an.
Die internationale Ausrichtung des Unternehmens nahm 2019 Fahrt auf, als auch Blanchon an seiner Nachfolgeregelung scheiterte und eine Investorengruppe fand, die das erfolgreiche Konzept des französischen Familienunternehmens fortführen wollte – mit dem Ziel, idealerweise im Zusammenschluss mit weiteren Familienunternehmen, die jeweils über Kernkompetenzen im Bereich der Werterhaltung von Oberflächen verfügen, zunächst europäischer und irgendwann auch internationaler Marktführer im Bereich Schutz, Renovierung, Pflege und Dekoration von Holz- und Elastikböden sowie -oberflächen zu werden.
Entsprechend wurde 2021 zunächst der belgische Hersteller Debal Coatings mit seiner Marke »Ciranova« gekauft, der unter anderem in Benelux und den USA am Markt vertreten ist und Industrielacke sowie Vorbereitungs-, Finish- und Pflegeprodukte für Holz im Innen- und Außenbereich anbietet. Es folgten Zukäufe der Schweizer Bigler-Gruppe, die in der Schweiz Verlege- und Pflegeprodukte für Holz- und Korkböden vertreibt, des italienischen Anbieters Carver, der mit Parkettlacken und -ölen vor allem den italienischen Markt bedient, sowie des niederländischen Unternehmens Rigo Verffabriek und Rigo Verfcentrum, das mit der Marke »Skylt« hauptsächlich in den Niederlanden sehr erfolgreich ist und Farben, Öle sowie Lacke für Holzoberflächen im Innen- und Außenbereich anbietet.
Mit den Akquisitionen von Debal Coatings, Bigler, Rigo und Carver hatte die Blanchon Group somit bislang vier Tochtergesellschaften in der Schweiz, Belgien, den Niederlanden sowie Italien und bediente mit der DIY-Marke »Syntilor«, den Marken »Blanchon«, »Ciranova«, »Rigo«, »Carver« und »Bigler« für professionelle Anwender sowie den Marken »Blanchon Tech« und »Ciranova Tech« für Bodenbelagshersteller weltweit mehr als 8000 Kunden. Mit Dr. Schutz kam im Dezember 2024 nun der größte und internationalste Neuzugang hinzu. Das deutsche Familienunternehmen verfügt über drei Tochterunternehmen in Deutschland, fünf Tochterunternehmen in UK, Frankreich, den USA, der Schweiz und Polen sowie ein Dutzend exklusiver Lizenzpartner in insgesamt 17 europäischen Ländern.


