Editorial
Bedingt abwehrbereit« titelte das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« und löste damit 1962 ein politisches Beben in Deutschland aus. So wie der Zustand der Bundeswehr noch 63 Jahre später als mangelhaft bezeichnet werden kann, könnte auch die Lage auf dem Ausbildungsmarkt mindestens ebenso dramatisch als »bedingt ausbildungsbereit« bezeichnet werden. Denn laut aktueller Ausbildungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) sehen sich die hiesigen Betriebe in immer größerem Ausmaß mit einer nie zuvor dagewesenen Bewerberschwäche konfrontiert, die zusammen mit dem demografisch bedingten Bewerbermangel die Betriebe vor zum Teil existenzielle Herausforderungen stellt.
So fehlt es vielen Bewerbern und Auszubildenden an grundlegenden Soft Skills wie Belastbarkeit, Disziplin, Konzentration, Kritikfähigkeit, Lernbereitschaft, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Zudem geben fast 50 Prozent der rund 15 000 befragten Betriebe an, dass das schriftliche und mündliche Ausdrucksvermögen unzureichend ist und elementare mathematische Fähigkeiten fehlen. Daraus folgernd suchen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen oft vergeblich nach geeigneten Bewerbern; mehr als ein Viertel der befragten Unternehmen planen sogar, ihre Ausbildungsplätze 2025 zu reduzieren. Die fehlende Qualifikation ist jedoch längst nicht der einzige Grund, warum auch die ausbildenden Betriebe mittlerweile nur noch »bedingt ausbildungsbereit« sind. Es ist ebenso die fehlende wirtschaftliche Perspektive, die sie davor zurückschrecken lässt, mittel- bis langfristig zu planen und in den Nachwuchs zu investieren.
Die Ergebnisse der DIHK-Umfrage sind derweil nicht wirklich überraschend: So klagten Handwerksbetriebe und Industrie bereits in den frühen 2000ern über die schlechten Schulkenntnisse der Bewerber und auch die PISA-Studien der letzten Jahre zeigten den Abwärtstrend bereits deutlich. Es brodelt also schon länger… Ob es aber wieder zu einem Beben kommen wird? So viel steht jedenfalls fest: Diesmal bleiben keine 63 Jahre Zeit, um im gegenwärtigen Zustand zu verharren.
Quo vadis, Deutschland?
Ihre Sabine Langanke

