Editorial Ausgabe 6/2024
Bei der Bundestagswahl 2021 war die Ampel noch ambitioniert als »Fortschrittskoalition« angetreten – doch was ist daraus geworden? Aus Platzgründen ziehen wir an dieser Stelle nur eine kurze, dafür aber bittere Bilanz und fragen uns zweifelnd: »Ist dieser Fortschritt gerade hier mit uns im Raum?«: So liegt Deutschland laut Umfrage des ifo-Instituts vom 9. April 2024 bei der gegenwärtigen Standortattraktivität für Firmen aus dem eigenen Land nur noch im Mittelfeld Europas. Rund die Hälfte der Unternehmen blickt zudem pessimistisch in die Zukunft und erwartet in den kommenden zehn Jahren eine weitere Verschlechterung. Auch im internationalen IMD-Ranking verliert die größte europäische Volkswirtschaft bei fast allen Standortfaktoren und rutscht auf den 24. Platz (Juni 2024). Ebenso prognostizieren die European Commission (2023), der IWF (2024) und die OECD (2024) unabhängig voneinander, dass Deutschland im Vergleich zu anderen entwickelten Volkswirtschaften beim Wirtschaftswachstum ein Schlusslicht sein wird, was als Folge wiederum die Stimmung der Unternehmen in Deutschland laut ifo-Geschäftsklimaindex vom 25. Juli 2024 inzwischen merklich eintrübt. Im Ranking nach Kaufkraft flog Deutschland vor kurzem nun auch noch aus der Liste der 20 reichsten Staaten der Welt (IWF, September 2024). Die letzte Meldung vor Redaktionsschluss war schließlich die Konjunkturprognose für Deutschland, die von führenden Wirtschaftsinstituten zum zweiten Mal in Folge gesenkt wurde und nicht bloß als konjunktureller Durchhänger, sondern als strukturelle Krise gewertet wird. Last, but not least merkt natürlich auch die Bevölkerung selbst, dass sich die Nachrichten über Produktionseinstellungen ganzer Produktlinien sowie Insolvenzen vormals gesunder Unternehmen mehren und die Preise an der Einkaufskasse und auf den Energierechnungen steigen – mit dem bangen Gefühl, dass hier im Land gerade etwas gehörig schiefläuft.
Denn inzwischen hakt es in Deutschland nicht nur an einer Stellschraube, sondern tatsächlich an fast allen, die für die Wirtschaftskraft eines Landes erheblich sind – und der Motor stottert mittlerweile beträchtlich. Dabei kamen viele Probleme mit langem Vorlauf und keine Regierungspartei der letzten Jahrzehnte kann sich davon freisprechen. Die eingangs erwähnte »Fortschrittskoalition« macht es leider jedoch keineswegs besser und ihre Stimme zum »grünen Wirtschaftswunder« ist längst verstummt. Vor allem Robert Habeck, bei dem man vor lauter Klima manchmal vergisst, dass er eigentlich auch noch Wirtschaftsminister ist, steht hier im Zentrum der Kritik. Ihm müsste klar sein, dass nicht die Politik, sondern die Wirtschaft den Reichtum erzeugt und hohe Energiepreise diesem diametral entgegenstehen. Wenn in Deutschland die stille Abwanderung und Aufgabe gerade vieler Mittelständler anhält und zu einer Deindustrialisierung führt (BDI-Präsident Siegfried Russwurm, Berlin, 10. September 2024), dann sinkt bald womöglich nicht nur der CO₂-Wert rapide, sondern auch der Optimismus, der nötig ist, um hierzulande noch etwas aufbauen und/oder bewahren zu wollen.
OBJEKT hat sich im aktuellen Sonderthema auf die Suche nach den größten Standortbremsen gemacht. Es wäre noch viel mehr darüber zu schreiben gewesen – aber wie man so schön sagt, manchmal muss man auch einfach mal den Deckel draufmachen. Apropos: Auf eben diesen bekam es Robert Habeck am 17. April bei einer Rede von Theodor Weimer, Vorstandschef der Deutschen Börse AG: »Ich habe inzwischen mein 18. Treffen mit unserem Vizekanzler und Wirtschaftsminister […] hinter mir. Und ich kann Ihnen sagen, es ist eine schiere Katastrophe.«
Das lasse ich mal so stehen und grüße herzlich
Ihre Sabine Langanke

