Erkenntnisreiche GHF-Tagung in Münster
Zum letzten Mal moderierte GHF-Geschäftsführer Jürgen Wagner die Veranstaltung. Laut seines Lageberichts konnte der Bodenbelags- und Malergroßhandel im ersten Halbjahr 2017 über alle Sortimente hinweg ein Wachstum von 2,4 Prozent hinlegen. Vor allem regeneriert sich der Farben-Lacke-Bereich – bei den Bodenbelägen läuft es solide.
226 Teilnehmer aus Farben-, Bodenbelagsgroßhandel, Verbandswesen und Industrie kamen zur diesjährigen Hauptversammlung des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe (GHF) nach Münster. Wie schon in den Vorjahren überwog der Teil der Lieferanten auf der Gästeliste.
Gut anderthalb Tage bot die Tagung Zeit zum Austausch und Netzwerken sowie der Sammlung von (neuen und alten) Erkenntnissen. Letztere wurden auch durch ein abwechslungsreiches Vortragsprogramm gemehrt.
Neue Erkenntnisse gab es zum Beispiel über die Sortimentsentwicklung des Großhandels im ersten Halbjahr 2017. Hier bekleckerte sich der Bereich Farbe in der Vorjahresperiode nicht gerade mit Ruhm. Umso spannender war die Erwartung der neuen Zahlen.
Alte und neue Erkenntnisse versprachen die Referate und Vorträge der diesjährigen Redner. Alt, aber dennoch immer zwingend notwendig, ist die Erkenntnis, dass sich der Großhandel schleunigst auf die Digitalisierung von Vertriebswegen – auch im B2B-Bereich – einstellen muss. Es gab wohl keine GHF-Tagung der vergangenen Jahre, die nicht mindestens einen Vortrag dazu auf der Agenda hatte. So eben auch dieses Jahr.
Wieder neue Erkenntnisse – aber eher der internen Art – boten sich den 226 Teilnehmern gezwungenermaßen am Schluss des Lageberichts von GHF-Geschäftsführer Jürgen Wagner. Diese Tagung war nach zwölf Jahren GHF-Tätigkeit auch seine letzte. Auf ganz eigene Art verabschiedete er sich – doch dazu später mehr.
Solide Sortimentsentwicklung
Insgesamt konnte der Boden- und Malergroßhandel im ersten Halbjahr 2017 über alle Sortimente hinweg ein Wachstum von 2,4 Prozent hinlegen. Erneut lieferte das IFH Köln die Zahlen. Mit Spannung erwartet wurden die Ziffern für den Farbengroßhandel – dieser musste im ersten Halbjahr 2016 erheblich Federn lassen. Hier tut sich nun erfreulicherweise wieder ein besseres Bild auf. Enorme Umsatzzuwächse verbucht etwa bei der Farbe der Bereich Zubehör und Randsortimente mit +9,9 Prozent. Sogar das »Sorgenkind« WDVS ist mit +7,6 Prozent im »grünen« Bereich, und Tapeten legen um 7,3 Prozent zu. Was Dispersionsfarben und -putze sowie mineralische Farben anbelangt, so gab es mit +3,5 Prozent wieder Lichtblicke. Und auch die Lackfarben wurden mit +2,5 Prozent aus dem Tal der Tränen geführt.

Im Bodenbelagsgroßhandel läuft alles solide – wenn auch nicht mit so horrenden Steigerungen wie in der Vorjahresperiode. »Klassenbester« unter den Böden ist nach wie vor das Segment der elastischen Beläge mit einer Steigerung von 5,9 Prozent. Doch Obacht – nicht alles, was elastisch ist, läuft auch gut. Erstmals wurden auf der Veranstaltung die elastischen Belagsarten »aufgedröselt«: Kunststoff-Beläge als Rollenware verbuchen –9,4 Prozent, während LVTs, also Planken- und Dielenformate, mit +13,2 Prozent absolute Top-Seller sind. CV-Beläge (–6,8 Prozent), Linoleum (–1 Prozent) und Kautschuk-Beläge (–3,2 Prozent) sind derzeit im Großhandel rückläufig.
Das Geschäft mit hölzernen Böden wie Laminat/Parkett stieg um 1,9 Prozent (vornehmlich Parkett), Klebstoffe und Spachtelmassen legen um 4,7 Prozent zu, und das Zubehör mit Randsortimenten liegt bei guten 8,5 Prozent im Plus. Leider konnten textile Bodenbeläge nicht an die Vorjahreszahl von +0,3 Prozent anknüpfen. Hier gab es wieder einen leichten Einbruch von immerhin »nur« –0,8 Prozent.
Dreitägiges GHF-Teppichbodenseminar
Textile Beläge sind also nach wie vor rückläufig. Diesem Problem widmet sich der GHF unter anderem mit einem neuen Teppichboden-Intensivseminar, in welchem Mitarbeiter rund um das Produkt bestens geschult werden. Das dreitägige Seminar soll Begeisterung für textile Beläge beim Großhandelsverkäufer wecken. Das Wissen wird in Theorie und Praxis direkt beim Hersteller vor Ort vermittelt, wo man auch die Produktion von Teppichboden »live« erleben kann. Bei den GHF-Fördermitgliedern Anker und Infloor geht es dann in 2018 im März (Düren) und im November (Herzebrock-Clarholz) zur Sache. Bei Erfolg dieser Reihe kann dieses Konzept auch auf andere Bereiche übertragen werden.
Darüber hinaus werden auch weitere »Inhouse«-Seminare als relativ neuer Bestandteil des Schulungsprogramms angeboten. Diese geben allen Großhändlern auch die Möglichkeit, Veranstaltungen im eigenen Haus mit Themen ihrer Wahl durchzuführen.
Herausforderungen für den Großhandel
Das gut ertüftelte GHF-Schulungsprogramm trägt sicherlich auch der Nachwuchssorge Rechnung. Nicht nur in der Boden- und Farbenbranche fehlt es an qualifiziertem Nachwuchs. Doch dies ist nur ein wichtiger Schuh, der schon seit längerer Zeit drückt. Die zunehmende Transparenz auf allen Ebenen nimmt zu: Alles kann per Google sichtbar gemacht werden, man kann schneller vergleichen und kopieren – Preise werden transparenter und Margen geraten unter Druck. Und gleiche Transparenz und gleicher Druck gilt auch für den Großhandelskunden, der in Konkurrenz zu Billigheimern steht. Und gleichermaßen steigen seitens Handwerker auch die Ansprüche an Service und Verfügbarkeit bei schrumpfenden Margen. Über all dem schwebt zudem die dunkle Wolke des Digitalen und damit drohende Umsatzverluste an neue digitale Marktteilnehmer. Und die althergebrachten Vertriebswege verschmelzen ohnehin zunehmend – ein Maler geht durchaus auch schon einmal zum gut sortierten Bodenbelagshandel oder schlimmer: zum Baustoffhandel.
Ein weiterer Punkt ist der fast inflationäre Anstieg von Großhandelsverkaufsstellen. Dieser hat binnen zehn Jahren um 40 Prozent zugelegt – waren es in 2006 noch 508, ist man mittlerweile schon bei 711 angekommen. Insgesamt gibt es derzeit 87 Großhandelszentralen (2006: 121, also –28 Prozent) mit 624 Niederlassungen (2006: 387, also +61 Prozent).
Von Digitalisierung über Durchsetzungsvermögen bis Motivation
Wieder ein »glückliches Händchen« bewies man mit der Wahl der Redner für das Vortragsprogramm, das die wertvollen Pausen für Gespräche unterbricht. So ging es wie eingangs erwähnt natürlich um »Großhandel im digitalen Zeitalter«. Gero Becker, Projektmanager am IFH Köln und der dort angesiedelten Marke ECC, zeigte in seinem Vortrag auf, worauf sich der eine oder andere einzustellen hat und gab anhand von Praxis-Beispielen Tipps für digitales Handelsverhalten. Seine Prognose: B2B wird im digitalen Vertriebsweg sukzessive das neue B2C.
Bei all dem Digitalen um uns herum mitsamt seinen ständigen Störungen – seien es E-Mails, Nachrichten auf Smartphones oder sonstige Unterbrechungen – ist es schwierig, konzentriert zu bleiben. Wie man persönliche Ressourcen aktiviert und mehr Selbst- und Stressmanagement im beruflichen Alltag betreibt, erklärte Dr. Marco Freiherr von Münchhausen. Der Rechtsanwalt und Psychologe verblüffte die Teilnehmer in einem interaktiven Gedächtnisspiel.
Udo Herrmann, Handwerksprofi und mittlerweile Erfolgstrainer für Handwerker-Betriebe, gab der anwesenden Industrie und dem Großhandel Einblicke in das alltägliche Leben eines Handwerkers und den damit verbundenen Anforderungen, Herausforderungen sowie Bedürfnissen. Letztere machte er den Anwesenden mehr als deutlich und zeigte Strategien auf, wie man seitens Handel und Industrie den Handwerker entlasten könnte.
In puncto Durchsetzungsvermögen ging es mit Prof. Dr. Jens Weidner von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg wissenschaftlich-humorig zu. Er präsentierte seine »Peperonie-Strategie« und wie man seine natürlichen Aggressionen konstruktiv einsetzen kann.
Um Motivation und Ehrgeiz schließlich ging es bei Joey Kelly. Der von der »Kelly Family« bekannte TV-Star ist mittlerweile nicht nur Unternehmer und Ausdauersportler, sondern eben auch Motivationsredner. In selbstironischer Weise berichtete er von seinem Werdegang – vom Kelly-Gesang bis hin zu Ultra-Marathons und Wüstenläufen. Dass dafür Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Motivation vonnöten waren, versteht sich von selbst. Wie man diese allerdings abrufen kann, erläuterte Joey Kelly gekonnt und witzig.
Ein Abgang, der polarisierte
Kann man in der Berichterstattung über eine Sache hinweggehen, die auf der Tagung schon fast mehr diskutiert wurde als die Sortimentszahlen, oder die mehr polarisierte als der digitale Wandel der Vertriebswege? OBJEKT meint: nein.
GHF-Geschäftsführer Jürgen Wagner verabschiedete sich – nun ja, auf eigene Art und Weise. Wagner ist seit 2006 Verbandsgeschäftsführer und wird zum 28. Februar 2018 ausscheiden. Mehr oder weniger einvernehmlich. Dies ließ Wagner jedenfalls am Ende seines Lageberichts die über 200 Teilnehmer wissen. Dazu führte er zunächst aus, wie er den Verband vor rund zwölf Jahren vorgefunden habe – mit negativem Ergebnis und einer bereits eingeläuteten Abwicklung des Verbandes. Wagner strukturierte den GHF laut eigenen Angaben neu, passte ein paar Dinge an und erhöhte einmalig in 2007 (seitdem eben nicht mehr) den Mitgliedsbeitrag um 4 Prozent. Ab 2007 verzeichnete der Verband laut Wagner wieder positive Ergebnisse, die seitdem sogar gesteigert worden seien. »Ich habe einige Vorstände erlebt, die das gut fanden«, so Wagner. Entsprechend wurden die Rahmenbedingungen seines Vertrages nach Wagners Wünschen angepasst. »Nach dem letzten Vorstandswechsel hat sich das Klima gewandelt«, erklärte Wagner. Und als man laut Wagner einen Anwalt für Personalrecht einschaltete, um seinen Vertrag prüfen und abändern zu wollen, »sodass für einen potenziellen Nachfolger keine Begehrlichkeiten entstehen«, so Wagner, »konnte ich dem nicht viel abgewinnen und so wurde mein 3-Jahres-Vertrag gekündigt«. Wagner sprach in diesem Zusammenhang von »Personalführung nach Gutsherrenart«.
Jürgen Wagner ließ seiner Enttäuschung freien Lauf: »Ich habe versucht, in den letzten zwölf Jahren diesem vorher anonymen Verband ein Gesicht zu geben, Sprachrohr und Brückenbauer zu sein. Menschen, mit denen ich jahrelang am gleichen Strang zog, haben mich ohne Grund fallenlassen.«
Auch bitter: Wagner zitierte vor diesem Hintergrund Friedrich Schiller: »Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen – und zwar zum 28. Februar 2018.« (Anm. d. Red.: aus dem Drama »Die Verschwörung des Fiesco zu Genua«.) Es war also kein Wunder, dass über diese Abschiedsworte am Rande der Tagung viel diskutiert wurde. Auch polarisierte die Rede. Während einigen dieser »Klartext« gefiel, stieß bei anderen wiederum diese auch als Attacke zu verstehende »Tirade« auf Unverständnis und als fehl am Platz. Wie auch immer man darüber denken mag – Herrn Wagner hätte man so oder so einen besseren Abgang gewünscht.
Aus vielerlei Gründen wird einem die GHF-Tagung 2017 also im Gedächtnis bleiben. Die nächste Jahreshauptversammlung findet am 19. und 20. September 2018 in Frankfurt a. M. statt. Dann unter neuer Geschäftsführung.
Thomas Ottaviano

