GHF: Boden hui, Farbe pfui
256 Teilnehmer aus Industrie und Handel fanden ihren Weg nach Dresden zur GHF-Jahreshauptversammlung.
Hier tat sich ein sehr unterschiedliches Bild des Farben- und Bodenbelagsumsatzes auf.
Auf der diesjährigen Jahreshauptversammlung des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe (GHF) in Dresden konnte der Vorstand um die Vorsitzende Christina Engelhard 256 Teilnehmer aus Industrie und Handel begrüßen. »Das Interesse an unserer Veranstaltung nimmt stetig zu«, freute sich GHF-Geschäftsführer Jürgen Wagner angesichts des vollen Tagungssaales, der entgegen der Erfahrung aus den Vorjahren auch am zweiten Tag nach der Abendveranstaltung bestens gefüllt war. Ebenso entgegen der Gewohnheit aus vorangegangenen Veranstaltungen bot das Vortragsprogramm »nur« ein Referat zum Thema E-Commerce. Erfrischend war der überwiegend psychologisch getriebene und motivierte Redner-Reigen, der viele Teilnehmer zum Schmunzeln und Nachdenken brachte.
Die Pausen – das Wichtigste dieser Tagung – wurden erneut zum Netzwerken und zum Austausch genutzt. Viele Themen und Branchen-News galt es hier aufzuarbeiten (und zu verdauen), etwa die Steffel- oder die Farben-Jenisch-Übernahme oder die Neustrukturierung der Copa, um nur einige zu nennen.
»Manche haben’s halt...«
»Manche haben’s halt und manche eben nicht« – das war nicht nur der immer wiederkehrende Satz im launigen Vortrag von Markus Hengstschläger (»Die Durchschnittsfalle«), sondern könnte auch auf die aktuelle Umsatzlage des Bodenbelags- und Farbengroßhandels passen. Zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung wurden die Umsätze des ersten Halbjahres präsentiert. Und hierbei »haben’s halt manche und manche nicht«. Wer es nicht hat, ist derzeit der Bereich Farbe. Hier gibt es für das erste Halbjahr 2016 eine durchweg negative Bilanz, egal wohin man schaut. Lackfarben sind im Umsatz mit 4,4 Prozent rückläufig, Dispersionsfarben und -putze sowie mineralische Farben verbuchen ein Minus von 1,3 Prozent, das stetige »Sorgenkind« WDVS bleibt seiner Rolle mit –3,3 Prozent leider treu,
und die dazugehörigen Zubehör- und Randsortimente schließen sich entsprechend dieses Negativ-Sogs mit –2,4 Prozent an. »Eine durchweg negative Entwicklung«, unterstreicht GHF-Geschäftsführer Jürgen Wagner. »Das betrifft nicht nur den Großhandel, sondern auch die Industrie selbst. Die Farbe hat kein gutes Jahr 2016.« Die Gründe für diesen Zustand sind aber schnell genannt – allem voran: das schlechte Wetter, welches durch Inkonstanz und Kapriolen dem Maler wahrlich einen Strich durch die Fassadenarbeit machte. WDVS bleibt ohnehin eine Baustelle – hier helfen auch keine neuen ökologischen oder mineralischen Lösungen über Nacht. Was die Maler selbst anbelangt, so seien diese laut Wagner zwar ausgelastet, hätten aber immer weniger Mitarbeiter beschäftigt, »insofern kommt auch weniger Umsatz beim Großhandel an«.

Und wo Schatten ist, dort ist bekanntermaßen auch Licht (»Manche haben’s halt«). Die Welt im Bodenbelagsgroßhandel ist nämlich absolut in Ordnung. Klar, textile Beläge dürfen auch hier als »Baustelle« genannt werden. Dennoch ist eine leichte, sehr leichte Aufwärtsbewegung mit 0,3 Prozent im ersten Halbjahr 2016 zu verzeichnen. GHF-Vorstandsvorsitzende Christina Engelhard: »Bei textilen Belägen stellen wir gerade bei den hochwertigen Qualitäten eine Umsatzsteigerung fest. Möge dieser Trend anhalten!« Erfreulich ist aber auch der Parkett-/Laminat-Umsatz im Bodenbelagsgroßhandel. Mit 8,6 Prozent im Plus mag der ein oder andere schon von Dynamik reden. Hervorragend entwickeln sich elastische Beläge mit 13,2 Prozent. Dies ist natürlich den sogenannten Designbelägen geschuldet, wobei hier die Produktion der Nachfrage nicht nachkommen konnte. Die zu den Böden gehörigen Sortimente wie Kleber/Spachtelmassen und Zubehör sind entsprechend mit jeweils 11,8 bzw. 11,7 Prozent im Plus.
Ein Kuchen, der nicht größer wird
Wie hat sich die Heimtex-Großhandelslandschaft in zehn Jahren verändert? »Eine eigentlich nicht lange Zeit«, wie GHF-Geschäftsführer Jürgen Wagner feststellte. Dennoch habe sich hier vieles verändert. Von 121 Kopfstellen ist man nun bei 91 angekommen, was einem Rückgang von 25 Prozent bei den Entscheidern in nur zehn Jahren entspricht. Im gleichen Zeitraum sind aber die Niederlassungen von 387 auf 591 (+53 Prozent) und die Verkaufsstellen von 508 auf 682 (+34 Prozent) gewachsen. »Der Handwerker liebt das«, räumt Wagner ein, »kurze Wege, schnelle Erreichbarkeit. Aber: Diese Verkaufsstellen streiten sich um einen Kuchen, der nicht größer wird. Und das geht dann in der Regel über den Preis.« Dennoch sei die Entwicklung der ständigen Filialisierung in den letzten Jahren etwas zur Ruhe gekommen. Das sei etwa der Tatsache geschuldet, dass größere Firmen übernommen wurden und deren Niederlassungen erst integriert werden müssen.
Wer isst noch vom »Großhandelskuchen«?
Immer beliebt sind die auf der GHF-Tagung vorgestellten Konjunktur-Umfragen im Malerhandwerk – hierzu gehört unter anderem die Frage, wo der Maler am liebsten sein Material einkauft. An dieser Umfrage sieht sich der ein oder andere Großhändler bestätigt und kann sich getrost auf seine Schulter klopfen (Genossenschaft/Farbengroßhandel: 95,8 Prozent), andere lesen aus dieser Umfrage aber auch Gefahren ab (Industrieniederlassungen: 41,6 Prozent; Baustoffhandel: 44,1 Prozent). Erstaunlich ist, dass immer mehr Maler (45,2 Prozent) sagen, dass der Bodenbelagshandel die richtige Einkaufsquelle ist. »Maler arbeiten sich ohnehin verstärkt in das Thema Boden ein«, so Jürgen Wagner. »Der Maler, eine neue Zielgruppe für den Bodenbelagshandel!«
Seit einigen Jahren schon tut sich allerdings eine ernstzunehmende Wettbewerbssituation für den Farben- und Bodenbelagshandel auf – der Baustoffhandel. Zwar ist die Zahl der Einkäufe beim Baustoffgroßhandel leicht rückläufig – für den Maler jedenfalls. Der Bodenleger findet aber mittlerweile alles (außer textile und elastische Rollenware) beim Baustoffhandel, was er für seine tägliche Arbeit braucht. Dennoch mahnt Wagner, den Baustoffhandel als Wettbewerber ernstzunehmen. Übrigens: Den 91 Großhändlern aus dem Farben- und Bodenbereich stehen 750 Baustoffhändler mit 2250 Niederlassungen gegenüber. »Unsere Zuliefer-Industrie hat den Baustoffhandel längst als Kunden erkannt. Wir müssen aufhören, dies zu ignorieren.« Erstaunlich ist auch die Bedeutung des Internets als Einkaufsplattform: Diese scheint beim Maler mit 4,2 Prozent keine Rolle zu spielen.
Die nächste GHF-Tagung findet am 19. und 20. September 2017 in Münster statt.
Thomas Ottaviano

