25.07.2022 | Allgemein Seite 18-19 in Ausgabe 8/2022

GHF: »Graue Fische«

»Dann haben wir also doch eine goldene Zukunft vor uns!«, lautete das lachende Fazit der illustren Runde des Vorstandes und der Geschäftsführung des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe (GHF) während eines Redaktionsgesprächs bei OBJEKT in Düsseldorf. Aber wie kommen die Herrschaften bei all den Unsicherheiten, die derzeit weltweit herrschen, zu dieser optimistischen Einschätzung? Zurück auf Anfang.

Der GHF-Vorstandsvorsitzende Frank-A. Kühnel erklärt: »Wir wissen momentan abends nicht, welches Problem wir morgen früh zu lösen haben.« Das seien neuerdings eben auch Themen, die man bisher gar nicht auf dem Schirm hatte, wie beispielsweise steigende Preise für Europaletten, die mit Nägeln aus Russland gefertigt und damit inzwischen zu einem relevanten Kostenpunkt würden. Trotz der vielen Herausforderungen ginge es der eigenen Branche aktuell dennoch gut, was dem konservativen Markt mit klar umfassten Protagonisten auf Handwerker- als auch Lieferantenseite zu verdanken sei. »Wir sind wie kleine, graue Fische im Riff!«, fasst es Bert Bergfeld, Geschäftsführer des GHF, zusammen. »Oben knallt es und die bunten fliegen durch die Gegend. Nächstes Jahr könnte es dann aber auch bei uns unten durchgewirbelt werden.«

Herkulesaufgabe
Demografischer Wandel, Digitalisierung und Onlinehandel sind die Themen, die die Zukunft des Großhandels und des gestaltenden Handwerks in den kommenden Jahren bestimmen werden.
Ulrich Schabel, GHF-Vorstand, erklärt: »Unsere Kundenklientel verändert sich. Die Handwerker, die sich heute noch selbstständig machen, sind in hohem Maße Migrationshandwerker, während die typischen 5-Mann-Betriebe mit Tradition – bei denen die Kinder der Inhaber stattdessen lieber Medizin oder Rechtsanwalt studiert haben – nicht weitergeführt werden.« Wenn in den nächsten zehn Jahren also absehbar rund die Hälfte der Inhaber der angestammten Handwerksbetriebe in Rente gehen, bedeute dies für den Verband, sich neu auszurichten und Neukunden zu gewinnen, die mittlerweile ganz andere Bedarfe und Bezugsquellen haben. »Eine echte Herkulesaufgabe, den Verband in diese Richtung zu drehen«, so Schabel weiter. »Das wird etwas ganz anderes werden, als wir es bisher gewohnt sind.« Gelingen soll die Neuausrichtung beispielsweise mit Außendienstlern, die selbst einen Migrationshintergrund aufweisen und so einen besseren Zugang zur neuen Handwerkergeneration haben, sowie auch mit dem neuen Datenmanagementsystem »XPIM«, das automatisiert in 15 bis 20 Sprachen übersetzt werden soll. Gleichzeitig wird mit »XPIM« die geplante Digitalisierung und der Onlinehandel weiter vorangetrieben. Das System wurde im Mai dieses Jahres aus der Taufe gehoben und soll fortan als digitale Brücke zwischen Hersteller, Handel und Handwerk dienen.

Ein Interview mit den beiden XPIM-Geschäftsführern Marvin Urban und Bert Bergfeld sehen sie auf OBJEKT tv.

Blick in die Glaskugel
Auf gute Jahre folgen schlechte, auf schlechte folgen gute! Trotz der vielen Bekannten und Unbekannten wie Rohstoffmangel, Energieknappheit, Arbeits- und Fachkräftemangel, den ungewissen Auswirkungen der Klimapolitik oder steigenden Bauzinsen ist sich Bergfeld sicher: »Durch die Vernetzung der Unternehmen und Ge-werke wird Handwerk wieder sexy werden – es geht hier voran, wird aber noch einige Jahre dauern.« Auch werde weiterhin gebaut werden wollen und müssen und daher immer Bedarf bestehen. Gleichzeitig sei der Trend zu beobachten, dass sich »Do it yourself« immer mehr zu »Do it for me« wandelt. So lässt die hochwertige Privatkundschaft der voll berufstätigen Doppelverdiener zunehmend für sich handwerken statt selbst Hand anzulegen. »Da blicke ich total positiv in die Zukunft und sage ganz selbstbewusst, dass unsere Branche weiterläuft«, freut sich GHF-Vorstand Eberhard Liebherr, und auch seine Kollegen frohlocken von einer »goldenen Zukunft« für die Zunft. Die Geschäftsgrundlage für das Handwerk und deren Lieferanten sei jedenfalls da. Entscheidend sei nun, ob der Großhandel als Bindeglied in der Lage sein wird, die neue Handwerkergeneration abzuholen und so die notwendige Transformation zu erreichen. »Wird der Großhandel weiterhin derjenige sein, der die neuen Bedarfe und Potenziale decken kann?«, stellt Bergfeld die entscheidende Frage: »Es wird auf jeden Fall spannend werden!«

Mehr Action, mehr Bewegung
Es tut sich was beim GHF – nach der Neuaufstellung des Vorstands im vergangenen Jahr ist ein »Ruck« zu spüren. Vieles hatte sich in den letzten 20 Jahren bewährt und wurde daher nicht geändert. Doch das ist jetzt anders: Mit dem selbsterklärten Ziel, etwas für den Verband bewegen zu wollen, ist der neue Vorstand in die Verbandsarbeit gestartet. So hat man in diesem Jahr das Angebot des Newsletters deutlich ausgeweitet, die Website des GHF neu strukturiert und präsentiert sich auch in den sozialen Medien wie Instagram und LinkedIn. Im Bereich Schulungen wurde das Angebot ausgebaut und um digitale Konzepte erweitert.

GHF-Tagung in Köln
Zentrale Themen auf der GHF-Tagung in Köln werden in diesem Jahr die Nachhaltigkeit, die Dekarbonisierung und die Digitalisierung sein.
Der Maler-Hauptverband wird das Thema »Maler 2040« präsentieren. Der Beitrag beleuchtet die Erwartungshaltung des Kunden, die digitale Entwicklung im Malerhandwerk und die Veränderung des Arbeitsumfelds. Aber vor allem geht es um die Fragen: Wie werde ich nachhaltig? Was ist CO₂-Neutralität? Wie kann ich mich mit den Themen auseinandersetzen? Was erwartet uns da? Welche Chancen, aber auch Aufgaben kommen auf einen zu? Wie sieht eine digitale Zukunft aus? Wie kann ich daran teilhaben und wie kann der Verband mir dabei helfen?
All das sind so wichtige Themen, dass Bergfeld noch einen Appell an den Großhandel richtet: »Leute, kommt zur GHF-Tagung. Es geht in erster Linie auch um eure Zukunft. Auch wir wollen die zweistufige Distribution am Leben erhalten und als wichtiges Element in der Wertschöpfungskette weiterhin positioniert wissen. Aber dafür müssen wir was tun. Das wird nicht von allein passieren. Das Heft des Handelns, gerade auch in der Digitalisierung, muss der Händler wieder selbst in die Hand nehmen, denn der E-Commerce ist ein Game-Changer und wir wissen alle nicht, in welcher Geschwindigkeit das passiert. Es ist wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wir haben zweieinhalb Jahre Corona hinter uns, einen Krieg in Europa, hohe Unsicherheiten in der Preisveränderung und in der Kundennachfrage, und da stellt man sich schon die Frage, was passiert da eigentlich?«
Daher auch der dringende Appell von Bergfeld: »›Alle nach Köln! Volles Haus!‹ Es macht absolut Sinn, und es ist eine wichtige Aufforderung, diese Mitglieder- und Jahreshauptversammlung zu besuchen, sich zu informieren und zu diskutieren. Wir haben wichtige Themen, die besprochen werden müssen.«

Sabine Langanke

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