GHF: Gute Jahre, schlechte Jahre
Ein eher maues Jahr liegt hinter den GHF-Mitgliedern. Seit Herbst 2018 ging es aber wieder voran. Diesen Schub nahmen die Unternehmen auch mit in die ersten Monate 2019.
Fortschreitende Konzentration, Mangel an qualifiziertem Nachwuchs und das Geschäft mit der Rolle sind nach wie vor Themen, mit denen sich der Großhandel auseinandersetzen muss. Nichtsdestotrotz hat das Jahr 2019 gut bis sehr gut begonnen, »wobei 2018 ein insgesamt eher bescheidenes Jahr war«, räumt GHF-Vorstandsmitglied Martin Geiger ein. Hierzu wird es auf der diesjährigen Hauptversammlung des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe in Hamburg (17. und 18. September) auch fundierte Umsatz- beziehungsweise Sortimentszahlen geben. Auf die Präsentation der Zahlen von 2017/18 habe man im vergangenen Jahr bewusst verzichtet, da die in Zusammenarbeit mit dem IFH gewonnenen Zahlen nicht mit der eigentlichen, von den GHF-Mitgliedern festgestellten Marktlage übereinstimmten. »Und so war es besser, keine Zahlen zu präsentieren als die falschen«, betont GHF-Vorstandsvorsitzende Christina Engelhard.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt sei man immer noch eifrig dabei, die Daten und Fakten zu sammeln, um so in Hamburg im September wieder aktuelles Zahlenwerk präsentieren zu können.
Was die aktuelle Lage im Großhandel anbelangt, so war man mit dem Jahresstart durchaus zufrieden. »Im Farbengroßhandel hat 2019 bei vielen Marktteilnehmern gut bis sehr gut begonnen«, sagen der stellvertretende GHF-Vorstandsvorsitzende Frank-A. Kühnel und Schatzmeister Michael Späth. »Die ersten drei Monate waren von der Stimmung her positiv – aber damit gewinnt man natürlich noch nicht das ganze Jahr.«
Durchaus zufrieden mit Jahresstart
Zuwächse hätte es über alle malerspezifischen Sortimente gegeben, wenn auch nicht alle dabei gleichermaßen dynamisch gestiegen seien. »Aber es gibt keinen Bereich, der im Rückzug befindlich ist«, so Kühnel und Späth. Wetterbedingt hätte sich vor allem der Vollwärme-schutz in den ersten Monaten sehr positiv entwickelt, der zum Umsatz im Malergroßhandel beigetragen habe. Auch für den Malergroßhandel war 2018 ein insgesamt schwieriges Jahr mit Licht am Ende des Tunnels, da die Umsätze seit der zweiten Herbsthälfte wieder anzogen. Diese Entwicklung habe sich erfreulicherweise in 2019 fortgesetzt.
In puncto Bodenbelagsgroßhandel war es sicherlich ein schöner Jahresauftakt mit den präsentierten Produkten auf der »Bau« in München, welche die Geschäfte ankurbeln können. Designbeläge und Teppichfliesen waren und sind in aller Munde. »Fliesen- und Plankenformate bereichern den textilen Bereich und erzielen so positive Effekte«, berichtet Christina Engelhard. Nichtsdestotrotz ist das Segment Teppichboden weiterhin ein Sorgenkind; vor allem im Wohnbereich lässt das Segment Federn. »Wir sagten immer, dass wir bereits die Talsohle -erreicht hätten, aber es scheint noch steiler abwärts zu gehen.« So habe sich der Umsatz mit textilen Belägen von 2017 auf 2018 abermals um 7,9 Prozent reduziert. »Es ist ein schwieriges Thema geworden«, sagt Martin Geiger. »Diese Entwicklung ist auch an den Firmenkonjunkturen der Teppichbodenhersteller abzulesen.« Neben Umsatzrückgängen musste die Industrie auch Entlassungen und Kurzarbeit durchführen.
LVTs haben weiterhin Nase vorn
Zufrieden sei der Großhandel aber mit LVTs respektive »Designbelägen«. Hier setzt sich die Steigerung fort. Man beziffert das Wachstum vorsichtig auf 11,4 Prozent. Dieses Plus wiederum beflügelt den Bereich der elastischen Beläge, die somit um insgesamt 2,1 Prozent zulegen konnten. Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Produktsegmente wie CV-Rollenware rückläufig sind. Linoleum und Kautschuk konnten indes auch ein Wachstum verbuchen, »welches aber mit spezifischen Objekten zu tun hat und nicht eine stetige Entwicklung widerspiegelt«, so Geiger.
Ein Blick auf die hölzernen Bodenbeläge offenbart, dass Parkett und Laminat um geschätzt 1,5 Prozent rückläufig sind. Allein vor Laminat prangt ein Minus von knapp 9 Prozent. Hier mache sich vor allem die Substitution zu LVT bemerkbar.
Insgesamt sei der Bereich Bodenbelag um magere 0,6 Prozent gewachsen. Seit längerem stellt der Großhandel hier eine merk- oder besser denk-würdige Tendenz fest. Was beim Oberbelag fehlt, scheint im Unterboden zu gehen. Ein konsequentes Plus (4,4 Prozent) liegt stets im Zubehör-Sektor (Verlegewerkstoffe, Profile, Leisten) vor. »Hier muss der Großhandel aufpassen, dass er nicht zum reinen Untergrundlieferanten wird«, warnt Geiger. Einen Grund für diese Diskrepanz sieht Geiger in der zunehmenden Direktvermarktung in puncto Boden.
Unterm Strich hält Geiger fest: »2018 kam jedenfalls nicht an die Zahlen von 2017 heran.« ω
Die Liste wird dünner: Weitere Herausforderungen
Der Großhandel sieht sich mit weiteren Herausforderungen konfrontiert. Wie auch in anderen Branchenzweigen wie dem Handwerk oder der Industrie sucht man händeringend nach qualifiziertem Nachwuchs; insbesondere ist davon der Bereich Logistik betroffen. »Wir finden überhaupt keine Fahrer mehr«, bemängelt Frank-A. Kühnel. Hier spielen politische Hürden mit ein, die es unter 21-Jährigen schwermachen, überhaupt einen Führerschein für Schwerlast-Fahrzeuge zu erlangen. Hinzu kommen horrende Kosten, die das Absolvieren einer solchen Führerschein-Klasse zusätzlich beeinträchtigen. »Die Leute haben von sich aus nicht das Geld, solche Führerscheine anzustreben«, meint Martin Geiger.
Ein anderes Problem sei auch der Mangel an willigen Bewerbern mit »Hands-on«-Mentalität, wie Christina Engelhard und Michael Späth ausführen. Jüngere Menschen achten zunehmend auf eine Balance von Arbeit und Freizeit, wobei viele auf Letztere größeren Wert legten. Und zum Thema Qualität/Quantität der Auszubildenden: Wo einst noch 100 Bewerbungen auf den Tisch kamen, seien es heute nur noch zehn, wovon wiederum nur die Hälfte infrage komme.
Der GHF hat auch selbst in Mitgliederkreisen mit einer gewissen Nachwuchsproblematik umzugehen, wenn die Frage gestellt wird, wie sich der Vorstand beispielsweise in drei Jahren zusammensetzt? »Mit jungen Menschen zwischen 30 und 40 Jahren aus dem inhabergeführten Bodenbelags- und Farbengroßhandel sieht es ziemlich mau aus. Die Liste ist dünn«, sagen die Verantwortlichen. Ein ähnliches Bild gibt es auf der Hersteller-Seite, wo sich zwar durch Wechsel der Mitarbeiter von A nach B viel bewege, aber Stillstand beim Neuzugang von unter 35-Jährigen herrsche.
Fortschreitende Konzentration
Ein weiteres Kriterium ist die fortschreitende Konzentration der Handels- und der Industrielandschaft. Mit jetzigem Stand gibt es 80 Zentralen und 635 Niederlassungen. »Die Konzentration wird weiter fortschreiten«, ist sich Michael Späth sicher. »Allein was die fortschreitende Digitalisierung, auch im E-Commerce, anbelangt, kann man das als Mittelständler alleine nicht mehr finanziell oder personell stemmen.«
Baustoffhandel: Kaum Überschneidungen
Ein immer wiederkehrendes Thema der letzten Jahre war die vermeintliche Konkurrenz des Boden- und Malergroßhandels zu anderen Vertriebskanälen, allem voran der Baustoffhandel. Dieser ist hinlänglich dafür bekannt, mit LVTs und Parkett »Boden gut zu machen« und auch an der Wand mit Farben und Tapeten »mitzumischen«. Und bekanntermaßen schrumpft das das »USP« des Bodenbelagsgroßhandels: das Beherrschen der Rolle.
Und Paletten kann auch der Baustoffhandel ebenso gut handeln. Der GHF-Vorstand sieht darin jedenfalls aktuell keine Probleme, da der Baustoffhandel mit Steinen und anderen »Heavy duty«-Baustoffen im Neubausektor bestens ausgelastet sei. Zudem sei
er die »kleineren« Lieferungen nicht gewohnt und die Heimtex-Produktpalette nicht lukrativ genug, sodass befürchtete Überschneidungen nicht eintreffen. »Wir als Farben- und Bodenbelagsgroßhandel bieten Beratung und Kundenservice, Logistik auf die Baustelle, Warenrücknahme und einen auf den Kunden zugeschnittenen Service – es ist ein Rundum-Paket«, unterstreicht GHF-Vorstandsvorsitzende Engelhard.
Jahreshauptversammlung
Zum 1. Oktober 2018 übernahm Niels Ehme Lehmann die Geschäftsführung des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe. Für die diesjährige Jahreshauptversammlung in Hamburg verspricht Lehmann hochkarätige Redner mit interessanten Themen wie Wirtschaftsspionage, faires Handwerk, die Gewinnung und Haltung von Mitarbeitern im Zeitalter der Digitalisierung und die Geheimnisse des Umsatzverdoppelns. »Auch das positive Denken kommt nicht zu kurz mit einem Top-Speaker am Klavier«, sagt Lehmann. Eine Neuerung gibt es auch: Das am Ende des zweiten Sitzungstages abgehaltene Branchengespräch von Industrie und Großhandel wird nicht mehr stattfinden.
Übrigens: Im Jahr 2020 begeht der GHF sein 120-jähriges Jubiläum. Dann soll die Jahreshauptversammlung in Berlin durchgeführt werden.
Erfolgreiche Praxisseminare und neue Webinar
In puncto Seminaren soll die erfolgreiche Teppichboden-Schulung, die in 2018 bei Anker und Girloon durchgeführt wurde, erneut aufgelegt werden. Solche praxisorientierten Seminare mitsamt Werksführung und Einblick in den Produktionsprozess begeistern die Großhandelsmitarbeiter und kurbeln tatsächlich die Lust sowie die Fähigkeiten zur Beratung und zum Verkauf an. So möchte der GHF diese Art von Schulung auch in anderen Produktsegmenten (Hartbeläge, Farben/Lacke, Tapeten) anbieten.
In Kooperation mit der Deutschen Vertriebsberatung bietet der GHF zudem auch kostenlose 45-minütige Online-Seminare (Webinare) an, die sich mit vertrieblichen und marketingtechnischen Themen beschäftigen.
Thomas Ottaviano


