10.10.2024 | Verbände / Institute / Organisationen Seite 20-23 in Ausgabe 6/2024

GHF: Jahreshauptversammlung und Wahl des neuen Vorstands in Leipzig

Rund 230 Teilnehmer aus Großhandel und Industrie kamen am 17. und 18. September zur Jahreshauptversammlung des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe (GHF) in Leipzig. Geboten wurde ein zukunftsorientiertes Vortragsprogramm über die Digitalisierung, den Arbeitskräftemangel und die Veränderung im Neubau. Nicht zufrieden ist man mit der Umsatzentwicklung in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres, hier steht derzeit ein Minus von 5,13 Prozent im Raum.

Mit der rheinischen Lebensweisheit »Nix bliev wie et wor« begrüßte Bert Bergfeld, Geschäftsführer des GHF, die Teilnehmer der diesjährigen Jahreshauptversammlung und machte damit gleich zu Beginn deutlich, welche Herausforderungen die Branche derzeit zu meistern hat und was diese bewegt: »Wir müssen offen sein für Veränderungen. Wir bewegen uns in komplizierten Marktverhältnissen und in einem komplizierten politischen Umfeld.« Die seit 2023 anhaltende wirtschaftliche Schwächephase halte die Branche weiter im Griff. Umso mehr sei es auch in diesem Jahr die Aufgabe der Jahreshauptversammlung, nach vorne zu blicken, die Chancen zu erkennen und Perspektiven aufzuzeigen. »Die Konsumzurückhaltung wird aufgelöst. Die Nachfrageschwäche in der Branche wird vorübergehen, davon bin ich überzeugt. Millionen von Immobilien warten auf Renovierung und Sanierung. Die Grundlage für das gestaltende Handwerk ist für die nächsten Jahrzehnte sicher gut«, so Bergfeld.
Die zurückliegenden unbeschwerten und erfolgreichen Wirtschaftsjahre 2009 bis 2019 kehren nach Einschätzung von Bergfeld auf lange Sicht nicht wieder zurück. »Never let a good crisis go to waste« (Lasse niemals eine gute Krise ungenutzt verstreichen): Mit dem Zitat des ehemaligen britischen Premierministers Winston Churchill machte er die Notwendigkeit zur Weiterentwicklung der Branche deutlich.

"In einigen Jahren, spätestens mit der kommenden Generation an Führungskräften und Unternehmen, wird es eine Selbstverständlichkeit sein, Unternehmen nachhaltig aufzustellen. Mehr noch, es wird überlebenswichtig sein."  Bert Bergfeld

Allerdings schrumpfe in der Branche die Anzahl der Köpfe und der Betriebe im Malerhandwerk. Das hätte zwangsweise Auswirkungen auf Handel und Industrie. »Das Handwerk wird auf Automatisierung setzen. Und auch der Großhandel wird über sogenannte ›24/7 Grab & go‹-Konzepte nachdenken müssen, also Systeme, die nicht nur das Betreiben von Standorten ohne Personal ermöglichen, sondern auch mittels hunderten von Kameras den Bezahlprozess automatisieren«, sagt Bergfeld. Dies sei zumindest eine Möglichkeit, außerhalb der Geschäftszeiten den Zugang für Kunden zu ermöglichen oder dem Fachkräftemangel ein Stück weit zu begegnen.
Auch sei von einer Konsolidierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette auszugehen. Die Abnahme von Betrieben und Mitarbeitern im gestaltenden Handwerk führe zu geringerem Umsatz für den Handel und zu hohen Auftragsvorläufen im Handwerk. »Auch wenn diese aktuell abschmelzen, wird die Auftragslage für die verbleibenden Betriebe über viele Jahre sicherlich gut sein«, ist Bergfeld überzeugt.
Die Anzahl der Endkunden sei ebenfalls ein limitierender Faktor; rund 85 Prozent der Handwerker seien in der Renovierung und Sanierung tätig. Die Anzahl der Haushalte, die über ein entsprechendes Einkommen verfügen und nicht »do it yourself«, sondern »do it for me« bevorzugen, werde auf 10 bis 15 Mio. Haushalte beziffert. Der größte Teil der Produkte in den Handelssortimenten sei austauschbar und die Margensituation sei aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks weiterhin angespannt. Die Ergebnislagen der Branche böten wenig Anreize für neue Branchenteilnehmer. Das alles führe in schwierigen Zeiten wie diesen in der Regel zu Konsolidierungseffekten.

Herausforderung E-Commerce
Eine besondere Herausforderung sieht Bergfeld in der E-Commerce-Entwicklung. »Mit vollzogenem Generationswechsel im Handwerk steigen die Anforderungen der neuen Kunden und Entscheider an die digitalen Services im Großhandel.« Investitionen in die eigene IT seien notwendig. Die Digitalisierung werde zu nachhaltigen Veränderungen führen. »Es ist denkbar, dass Mitbewerber online und ohne Stallgeruch, aber mit viel KI und Technologie und digitalem Service bei den Digital Natives unter unseren Kunden punkten werden.« Der Großhandel laufe Gefahr, als reiner Logistiker missbraucht zu werden, wenn er den Online-Markt nicht beherrsche.
Nachhaltiges Handeln sei die Kernaufgabe zukünftiger Unternehmensgenerationen und Führungskräfte. Neben Klima- und Umweltschutz würden die Regulierungen auf europäischer und nationaler Ebene zu immensen Herausforderungen führen, beispielsweise das Lieferkettensorgfaltsgesetz, die Nachhaltigkeitsberichterstattung oder aber auch die EU-Taxonomieverordnung. »Wer zukünftig wirtschaftlich erfolgreich sein will, muss über rein finanzielle Aspekte hinausdenken«, betont Bergfeld.

Umsatzentwicklung der ersten acht Monate
Die Umsatzentwicklung der Mitglieder des GHF weist von Januar bis August 2024 über alle Produktgruppen hinweg ein Minus von 5,13 Prozent auf. Die drei umsatzstärksten Produktbereiche des GHF schlossen in den ersten acht Monaten wie folgt ab: Farbe für Wand und Boden –3,65 Prozent, elastische Bodenbeläge –2,05 Prozent und Werkzeuge, Maschinen und Klebebänder –4,66 Prozent.

Wahl des neuen Vorstands
Auf der Jahrestagung in Leipzig stand auch die Wahl des neuen GHF-Vorstands auf der Tagesordnung, da der bisherige Vorsitzende Frank-A. Kühnel aufgrund der Fusion der MEGA und der MEG Rhein Ruhr aus dem Vorstand ausgeschieden ist. Neuer Vorstandsvorsitzender ist Tobias Schmitt (Schmitt & Orschler, Aschaffenburg). Neue Vorstandsmitglieder sind Frauke Wilts (-Egbert Wilts, Leer) und Hannes Jedele (Jedele Farben und Heimtex Großhandel, Essingen). Des Weiteren gehören dem Vorstand Christina Engelhard (Rolf Engelhard, München) als stellvertretende Vorsitzende und Eberhard Liebherr (Lotter + Liebherr, Gaggenau) als Schatzmeister an. Wieder mit dabei sind auch Martin Geiger (Alois Geiger Söhne, Aschaffenburg) und Volker König (MEGA, Hamburg). Damit umfasst der Vorstand jetzt sieben statt wie bisher sechs Mitglieder.
Als neues Großhandelsmitglied gehört dem GHF die Firma Farben Kemeter aus Eichstätt an. Neue Fördermitglieder sind die Unternehmen RS Farbroller aus Baienfurt (Inh. Jürgen Gaugel) und das belgische Unternehmen Oneflor-Europe.

Spannende Vorträge
Wie E-Commerce und KI den Vertrieb verändern werden, zeigte Prof. Dr. Christian Stummeyer, erfahrener Unternehmensberater, erfolgreicher Gründer, E-Commerce-Unternehmer und Professor für Digital Commerce, den Gästen auf. Der B2B-Kunde der Zukunft ist mobil vernetzt, folgt Micro-Influencern und steht auf Beratung auf allen Kanälen. Sein Rat für den Großhandel: »Das Zeitalter der Generativen KI hat begonnen. Im Dream-Team der Zukunft spielen Kunden und KI zusammen.«
Andreas Hüls, Geschäftsführer sowie kreativer Kopf der Hüls-Gruppe, referierte zum Thema Bauen für den gesellschaftlichen Bedarf der Zukunft. Er zeigte auf, dass sich das Wohnen in den letzten 100 Jahren komplett verändert hat. So leben Stand 2023 40,8 Prozent der Deutschen alleine, 33,7 Prozent zu zweit, erst danach folgen Haushalte mit drei Personen und mehr. Die Folgen seien gravierend: »Vereinsamung und Isolation nehmen extrem zu«, so Hüls. Als Projektentwickler und Bauträger innovativer und zukunftsweisender Wohnprojekte entwickelt er zusammen mit Grundstücksinhabern, Kommunen, Städten und Gemeinden städtebauliche Konzepte, individuell auf die Lage, Nachbarschaft und die Gegebenheiten abgestimmt.
Als gefragte Wirtschaftsexpertin für Veränderung und HR begleitet Ulrike Winzer Mitarbeiter und Manager in der beruflichen Veränderung und unterstützt Unternehmen beim Wandel der Arbeitswelt. Für Arbeitnehmer müssen Arbeitgeber im besten Fall »sexy« sein – so ihr Fazit. Personal zu rekrutieren sei inzwischen zu einer existenziellen Daueraufgabe für Unternehmen geworden. »Sie müssen heute mehr Zeit und Geld in die Personalakquise investieren«, so Winzer. Gefordert seien hier aber auch mehr Individualität, Kreativität und Mut. Zudem sei Bindung das neue Recruiting – die eigenen Mitarbeiter zu halten sei ebenfalls von sehr großer Bedeutung.
Wie der Großhandel am besten durch turbulente Zeiten kommt, war das Thema von Dr. Ralf Deckers. Der Bereichsleiter des IFH Köln mit Schwerpunkt Trend- und Zukunftsanalysen sowohl für B2C als auch B2B sprach darüber, wie man multiple Krisen und Widrigkeiten abwehrt, die Wucht der Digitalisierung nutzt und da ist, wo der Kunde ist – und zwar mit den richtigen Angeboten. In jedem Falle sei Nichtstun der falsche Weg: »Hinlangen – und machen«, so das Credo von Dr. Deckers, der sich seit mehr als 20 Jahren in der praxisbezogenen Marktforschung und Beratung in den Bereichen Finance/Insurance, Automotive und Retail auskennt.
Die nächste GHF-Tagung findet am 8. und 9. Oktober in Seeheim-Jugenheim statt, wo der Verband sein 125-jähriges Bestehen feiern wird.

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