GHF: Mit großen Schritten in die Digitalisierung
Auf der Jahreshauptversammlung des Bundesverbandes Großhandel Heim & Farbe (GHF) in Köln kamen rund 260 Teilnehmer zusammen, um sich über Zukunftsthemen auszutauschen. »Um den wirtschaftlichen Erfolg zu sichern, hilft es nicht, die Hände in den Schoß zu legen und die Dinge auf sich zukommen zu lassen – nach dem Motto ›Es wird schon nicht so schlimm werden‹. Das wäre keine gute Strategie«, mahnte GHF-Geschäftsführer Bert Bergfeld auf der diesjährigen GHF-Tagung die Teilnehmer. In Zeiten sich überlagernder Krisen wie etwa Inflation, möglicher Gasmangellage, steigender Energiepreise, Preiserhöhungen und fragiler Lieferketten sei es Aufgabe der Veranstaltung, Themen von morgen anzusprechen, Lösungsansätze aufzuzeigen und im besten Fall Perspektiven zu bieten.
Schon auf der letzten Jahreshauptversammlung in Rust hatte man erörtert, welche Maßnahmen der GHF ergreifen kann, um den künftigen Herausforderungen gerecht zu werden (siehe OBJEKT 11/21, S. 20–23). Selbstverständlich werden bereits vorhandene Angebote im Schulungs- und Informationsbereich weitergeführt und ausgebaut. Dazu erklärte Bergfeld: »Der demografische Wandel ist sehr spürbar bei uns angekommen und noch nie konnten so wenig Ausbildungsplätze in der deutschen Wirtschaft besetzt werden wie in diesem Jahr.« Er empfahl den Mitgliedern daher, die fachliche und persönliche Entwicklung der eigenen Mitarbeiter unter anderem durch Inhouse-Fortbildungen des Verbandes zu fördern und verwies auf die Broschüre »GHF Seminare 2023«, die wieder viele neue Themen beinhalten wird.
Weiter lieferte Bergfeld Zahlen aus dem GHF-Branchenvergleich, der den Mitgliedern seit Januar 2021 rückwirkend bis 2018 monatlich zur Verfügung gestellt wird, und gab anhand der gemeldeten Umsätze teilnehmender Händler Auskunft über die Umsatzzahlen in den einzelnen Warengruppen. Aktuell beteiligen sich 30 Großhändler mit einem Meldevolumen von insgesamt über 1,7 Millarden Euro/Jahr an dem Branchenvergleich; für das nächste Jahr konnten drei weitere Teilnehmer gewonnen werden. »Wir sorgen damit für Transparenz«, erklärte der Geschäftsführer: »Mithilfe dieser Zahlen können sich die Händler sehr schnell und direkt mit den eigenen Umsätzen und der eigenen Entwicklung einordnen.«
Umsatzentwicklung Januar bis Juli 2022
Der Umsatz Januar bis Juli im Vergleich 2021 zu 2022 zeigt mit einem Plus von 1,07 Prozent keine wirkliche Entwicklung. Der größte Teil des Umsatz-Kuchens fiel dabei mit 22,82 Prozent auf den Bereich Farben. 7,66 Prozent fielen auf Lacke und Lasuren, 4,68 Prozent auf textile Bodenbeläge, 16,42 Prozent auf elastische Bodenbeläge, 5,89 Prozent auf Parkett und Laminat, 4,22 Prozent auf Wandbeläge sowie 8,64 Prozent auf Werkzeuge und Maschinen.
Blick in die Glaskugel
Zwar ist vieles angesichts der aktuellen Krisen nicht absehbar, trotzdem wagte Bergfeld in seinem Vortrag einen Blick in die Zukunft. »Die derzeitige Situation drückt auf die Stimmung, und das Konsumverhalten ist selbst im Online-Handel stark eingebrochen. Wir wissen aber, dass unsere Branche in vergangenen Krisen nicht vergleichbar stark betroffen war und als jüngstes Beispiel während der Corona-Krise sogar profitiert hat.« Dennoch sei derzeit auch die Sorge des Großhandels und der Hersteller vor der kommenden Geschäftsentwicklung spürbar – selbst wenn für das laufende Jahr eine weiterhin stabile Auftragslage im Maler- und Bodenlegerhandwerk zu verzeichnen ist. Die positive Umsatzentwicklung im Handel sei indes vor allem den Preiserhöhungen geschuldet und man erwarte hier eher stagnierende Umsätze. Nichtsdestotrotz äußerte sich Bergfeld optimistisch: »Die Babyboomer werden in den nächsten fünf bis 15 Jahren viele Bestandsimmobilien mit Sanierungsbedarf auf den Markt bringen. Zusätzlich werden die Neubaupreise weiter steigen. Da dadurch zu erwarten ist, dass die Verarbeiter in den kommenden Jahren über eine gesicherte und gute bis sehr gute Auftragslage verfügen werden, ist das auch eine gute Prognose für den Großhandel als Lieferant des Handwerks.«
»Als Einstimmung auf unsere Tagung ist mir nur ein Satz eingefallen: Eine Achterbahn ist ein langer, ruhiger Fluss. Wir erleben gerade eine dermaßen hysterische Gegenwart, in der die Politik die Lage eher noch verschärft als mildert«, sagte der GHF-Vorstandsvorsitzende Frank-A. Kühnel in seiner Ansprache. Aktuelle »Mega-Trends« wie etwa Energieeinsparungen, Rohstoffknappheit, demografische Entwicklungen, Fachkräftemangel sowie der steigende Digitalisierungsdruck seien von diesem Geschehen jedoch relativ unbeeinflusst. Trotzdem bleibt auch die Prognose des Vorstandsvorsitzenden positiv: »Wenn uns auch manche ›Mega-Trends‹ überhaupt nicht gefallen, werden wir weiterhin damit umgehen müssen. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir das schaffen werden.«
»Mega-Trend« Digitalisierung
Weiter ging es mit dem »Mega-Trend« Digitalisierung, den sich der GHF in seiner Verbandsarbeit besonders auf die Fahne geschrieben hat. Für diese Aktivität wurde eigens die XPIM GmbH mit einer Mehrheitsbeteiligung des GHF gegründet und mit den Daten der sogenannten »Earlybirds« die Startphase des Projekts eingeläutet. Entstanden ist eine hochautomatisierte, branchenstandardisierte und vollständige Material-Stammdatenplattform für Handel und Industrie, die es allen Teilnehmern, Händlern und Herstellern ermöglicht, Ressourcen zu schonen und die Kundenhoheit im B2B-E-Commerce zu halten.
Bergfeld hierzu: »Schon lange wird davon gesprochen, dass die Erfahrungen aus privaten digitalen Einkaufsprozessen in die beruflichen Beschaffungsprozesse Einzug finden.« Es gelte längst als gesichert, dass sich durch den Generationswechsel das digitale B2B-Geschäft zum stärksten Vertriebskanal entwickeln würde und in wenigen Jahren mehr als die Hälfte des Umsatzes im Großhandel über digitale Kanäle fließen wird. »Mit den digitalen Kanälen ist dann aber eben nicht nur der Online-Shop eines Großhändlers gemeint, sondern immer stärker auch die Nutzung von Vertriebsplattformen wie Amazon, wo die Kunden auf viele Anbieter treffen können. Ich bin daher davon überzeugt, dass der Großhandel sein Sortiment in Zukunft dort anbieten wird, wo sich der Kunde bewegt, und das werden eben auch die digitalen Marktplätze sein.«
Sich hierbei auf digitaler Ebene eine Führungsrolle zu sichern, stelle die Branche vor große technische und wirtschaftliche Herausforderungen, die nun aber gemeinsam mit der Stammdaten-Plattform XPIM gemeistert werden könnten.
Die nächste GHF-Tagung findet am 20. und 21. September 2023 im Lufthansahotel in Seeheim statt.
Sabine Langanke


