Katja Krater: Der gute Leumund
Verabredung – 15 Minuten sollten reichen
Der Begriff »Der gute Leumund« ist historisch schon sehr alt (12. Jahrhundert) und wurde ursprünglich als neutraler Begriff verwendet. Der Ruf, der einer Person vorauseilte, konnte demzufolge positiv oder auch negativ sein. Der gute Leumund öffnete im Mittelalter die Tür
zu bestimmten Privilegien, wie zum Beispiel eine uneingeschränkte Berufswahl. Ein negativer Leumund wirkte bei Straftaten hingegen verschärfend. Die dahinterstehende Idee ist auch heute noch aktuell. So wird aus dem vergangenen Handeln der Person zukünftiges Handeln abgeleitet. Im Bewerbungsprozess wird diese Frage nach einer Verhaltensvorhersage selbstverständlich auch gestellt, und so kommt es gerade bei gut vernetzten Branchen häufig zur mündlichen Referenz. Auch wenn wir heute erweiterte Möglichkeiten der Recherche zu einer Person haben, so wirkt eine Referenz zuerst einmal vertrauensbildend. Besonders, wenn sie von einer hierarchisch höher gestellten Person ausgesprochen wird.
Eine Referenz ist in der Regel eine mündliche Ad-hoc-Beurteilung der Fokusperson. In der Wirtschaft werden Referenzen oft in geschlossenen Gruppierungen wertgeschätzt, da die Regeln dieses Kreises nicht von außen erkennbar werden sollen. So denken wir an die Nominierung von Vorständen oder Aufsichtsräten, die sich einem öffentlichen Beurteilungsverfahren weitestgehend entziehen. Diese Gruppen benötigen insofern die Referenz, da so sichergestellt wird, dass der zukünftige Kandidat den »Stallgeruch« bzw. die politische Akzeptanz der Gruppierung genießt.
Doch in welchem Kontext werden mündliche Referenzen in einem normalen Bewerbungsprozess gegeben? Grundsätzlich ist die Angabe einer Referenzmöglichkeit eine gute Idee, denn sie zeigt eine gewisse Vorbereitung des Kandidaten. Zudem »wirbt« der Kandidat nicht nur mit seiner Person, sondern auch mit dem Ruf und dem Hintergrund des Referenzgebers. Hier findet oft unbewusst eine Beurteilungsübertragung statt.
Sie sollten sich jedoch nicht blenden lassen. Oft hilft es, den gemeinsamen Kontext zu klären: Was versteht der Referenzgeber unter allgemeinen Stichworten wie Engagement oder Vertriebserfolg? Zudem kann bei einer differenzierten Betrachtungsweise auch ein Defizit formuliert werden. Interessant ist, was der Referenzgeber nicht erwähnt oder wie stark oder wenig er auf die zukünftige Position des Kandidaten eingeht. Wie intensiv haben die beiden Personen sich kennenlernen können? Deshalb ist die Auswahl des Referenzgebers eine knifflige Aufgabe, denn sie sollte zwar hierarchisch höherstehend sein, jedoch nicht zu weit weg von der Arbeitsrealität des Kandidaten. Abschließend lohnt es sich zu fragen, wie die Person sich gerade selbst dargestellt hat.
Insofern lautet mein Tipp: Verabreden Sie sich mit dem Referenzgeber – 15 Minuten konzentriert sollten genügen. Sehen Sie sich den Wunschkandidaten gut an und fragen sie gezielt nach Punkten, die Ihnen nach dem Bewerbungsgespräch noch offen erscheinen. Versuchen Sie das Selbstverständnis des Referenzgebers zu erkunden, damit Sie die Aussagen besser einordnen können. Und reflektieren Sie im Anschluss die gegebenen Informationen und den Eindruck, den Sie gewonnen haben.
Die pointierte Kommunikation ist sehr effektiv und stellt eine Kunstform dar…
Ich wünsche Ihnen ein gutes Gelingen.
Katja Krater

