Katja Krater: Haben Sie das auch schon erlebt?
Wahrnehmungsfehler – eine Gefahr, die zu vorgefertigten Meinungen und zu starren Vorurteilen führen kann.
In einer Diskussion – oder bei Personalentscheidungen – versuchen Sie ihren Gesprächspartner zu überzeugen, und all ihre Argumente und cleveren Einwände zeigen nahezu keinen Effekt. Vielleicht haben Sie es in diesem Fall mit einem ausgesprochenen Sturkopf zu tun oder das Gegenüber ist einem bekannten Wahrnehmungsfehler erlegen: der sogenannten Confirmation Bias (oder auf Deutsch dem Bestätigungsfehler). In diesem Fall versucht der Gesprächspartner unbewusst andere Ansichten auszublenden und gerät somit in eine verzerrte Wahrnehmung.
Bereits in den 1960er Jahren hat der Psychologe Peter Wason an der Hypothese gearbeitet, dass Menschen ihre Annahmen lieber bestätigt als widerlegt sehen. Das erscheint als Aussage banal und hat dennoch einen enormen Einfluss auf unser heutiges Leben. Der Bestätigungsfehler führt dazu, dass wir unsere Ansichten und Meinungen immer wieder bestätigt haben möchten. In diesem Prozess sind wir dann immer überzeugter davon, recht zu haben. Unsere Wahrnehmung filtert quasi die passenden Argumente für uns vor. So gelangen wir mit der Zeit zu einer vorgefertigten Meinung und zu starren Vorurteilen, die hartnäckig in den Köpfen verankert sind.
Beispiele dazu finden sich aktuell viele: Besonders markant in diesem Kontext empfand ich persönlich die bunt zusammengewürfelte »Truppe« der Corona-Leugner in Berlin. Deren Wahrnehmungsverzerrung führte soweit, dass sich ein Potpourri der politischen und ideologischen Lager über den Protest hinweg solidarisierte. Für Außenstehende war diese Demonstration ein schwer erklärbares, fast unerträgliches Phänomen.
Ein weiteres Beispiel sind Algorithmen, anhand derer wir im Internet eine bestimmte Realität widergespiegelt bekommen. Wenn Sie eine Suchanfrage im Internet eingeben, werden Ihnen sofort die passenden Produkte und Dienstleistungen angeboten. Halten wir uns nur lange genug in einer bestimmten gedanklichen Welt auf, scheint es keine anderen Themen mehr zu geben.
Im Ergebnis führt es dazu, dass unser Bestätigungsfehler immer stärker wird und wir uns unser Umfeld selbst erschaffen. Wir wehren uns innerlich gegen Belehrung, auch wenn es um objektive Tatsachen geht. Die Wissenschaft versucht diesen Effekt nachzuweisen, und inzwischen wissen wir, dass Informationen, die unsere Meinung bestärken, länger und ausdauernder gelesen werden. Gegenargumente werden schneller ignoriert und oberflächlicher gelesen.
Die Gefahr dieses Wahrnehmungsfehlers besteht darin, von seinem Umfeld in Diskussionen als wenig kompetent und nervig wahrgenommen zu werden. Selbstredend bleiben bei einem nicht kontrollierten Bestätigungsfehler die persönliche Entwicklung und das Lernen aus der Vergangenheit weitestgehend aus.
Was können Sie dagegen tun?
Versuchen Sie sich offen und bewusst mit anderen gedanklichen Welten auseinanderzusetzen. Blicken Sie über den Tellerrand. Nehmen Sie die gegenseitige Position ein und vollziehen Sie den Perspektivwechsel. Eine neutrale und objektive Gesprächshaltung ist gefragt. Und fragen Sie sich, worum es Ihnen im Gespräch geht. Wenn Ihnen niemand mehr widerspricht und Sie glauben, die Welt »verstanden« zu haben, könnte es sein, dass Sie bildlich gesprochen allein auf einer kleinen Scholle in einer großen weiten (Gedanken-)Welt sitzen…
Katja Krater

