Kompetenz-Zentrum Textil und Sonnenschutz: Mission: Close the Loop
Der Handlungsdruck auf dem Weg zu einer Kreislaufwirtschaft ist hoch, aber bei weitem noch nicht erkannt.
Bereits im Jahr 2015 haben die Vereinten Nationen und die Europäische Union ihre Marschroute hin zu einer kreislauffähigen Wirtschaft vorgestellt. Aus dem ersten EU-Aktionsplan für Kreislaufwirtschaft ist das EU-Legislative-Paket hervorgegangen, auf dessen Grundlage in den kommenden Jahren immer wieder Anpassungen unseres Kreislaufwirtschaftsgesetzes vorgenommen werden. So werden dann nacheinander Vorgaben zu mehr Ressourceneffizienz, einer erweiterten Hersteller-Verantwortung oder zum Recht auf Reparatur eingeführt. Wieso bereits jetzt ein hoher Handlungsdruck für Industrie und Handel besteht, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Wollen oder müssen?
Einerseits ist es erklärter politischer Wille der Europäischen Union, weniger Ressourcen zu verbrauchen und weniger Treibhausgase zu emittieren. Das hat auch einen handfesten Hintergrund, denn schließlich hatten wir in 2019 bereits im Juli sämtliche Rohstoffe aufgebraucht, die uns die Erde rein rechnerisch im Laufe eines Jahres zur Verfügung stellt. In 2020 lag der sogenannte »Earth Overshoot Day« etwa einen Monat später, nämlich im August. Faktisch haben wir also im vergangenen Jahr einen Monat »herausgearbeitet«. Wir sind uns einig, dass wir das nicht freiwillig getan haben. Lockdown und Kontaktbeschränkungen haben dafür gesorgt, dass deutlich weniger Menschen in den Urlaub gefahren sind, weniger produziert und auch geschäftlich deutlich weniger gereist wurde. Es veranschaulicht aber auch, dass wir tatsächlich in der Lage sind, mit zielgerichtetem Verhalten etwas zu verändern.
In der gesellschaftlichen Diskussion, aber auch in Gesprächen mit unseren Mitgliedern stellen wir eine zunehmende Sensibilität für Nachhaltigkeitsthemen fest. Neben dem regulatorischen Druck, der sich aus dem Umstand ergibt, dass wir in 5-Jahres-Schritten unsere Siedlungsabfälle bis zu 65 Prozent recyceln müssen (2025 = 55 Prozent, 2030 = 60 Prozent, 2035 = 65 Prozent), greift auch das – noch wenig zielgerichtete – Gefühl, etwas »für die Umwelt« unternehmen zu müssen. Daraus erwächst eine intrinsische Motivation, also ein Handeln aus Überzeugung.
Machen wir uns aber nichts vor: So positiv wir auch die zunehmende Empfänglichkeit von Gesellschaft und Wirtschaft zur Kenntnis nehmen, in der Breite der Bevölkerung fehlt sowohl das Verständnis für die Bedeutung des Themas als auch für die bereits jetzt verbindlich beschlossenen Veränderungen zugunsten von Umwelt und Ressourcen.
Systemwechsel
Um Produkte nachhaltig recyceln zu können, muss deren Produktdesign darauf ausgerichtet sein. Auch die Wahl der Materialien spielt eine entscheidende Rolle. Ein hoher Materialmix und eine fehlende Trennbarkeit verschiedener Materialien macht ein Recycling nahezu unmöglich. Bis dato hat sich das Produktdesign in erster Linie an der Funktionalität orientiert. Folien für Schokoriegel oder auch nur die Folie auf dem Gehackten bestehen aus erstaunlich vielen Schichten, die im Verbund nur bedingt recycelbar sind. Idealerweise besteht ein Gegenstand nur aus einem Material. Sofern dies nicht möglich ist, sollten die Materialien aber gut trennbar sein, um sie dem jeweils richtigen Recyclingverfahren zuführen zu können. Experten sind sich einig, dass nur auf Grundlage eines recyclingfähigen Produktdesigns mit recyclingfähigen Materialien die geforderten Recyclingquoten zu erfüllen sind.
Besonders drastisch wird der aktuelle Handlungsdruck erkennbar, wenn man sich langlebige Konsumgüter, wie zum Beispiel Möbel, anschaut. Wenn zum Beispiel ein Sofa im Jahr 2030 sein Lebenszyklusende erreicht hat, wird man es nicht nachhaltig recyceln können, denn zum Zeitpunkt, als das Produkt auf den Markt kam, spielte Recycling noch keine Rolle. Es müssen also jetzt die recyclingfähigen Produkte in den Markt gehen, damit wir Einfluss auf die Quoten nehmen können. Wer der Auffassung ist, wir würden bereits einen Großteil unserer Abfälle recyceln, den muss ich ernüchtern: Aktuell haben wir eine reine »Input«-Betrachtung, es wird also gezählt, was an getrennten Abfällen an den »Wertstoffhöfen« ankommt. Entscheidend ist aber, welche Mengen tatsächlich recycelt werden (»Output«). Einwandfrei nachvollziehbare Zahlen gibt es nicht, unstrittig ist aber, dass nicht einmal 20 Prozent der Verpackungsabfälle recycelt werden dürften. Den größten Anteil daran machen PET-Flaschen aus, sodass sich die recycelten Verpackungsmaterialien im einstelligen Prozentbereich bewegen. Im Zuge der Umsetzung der überarbeiteten Abfallrahmenrichtlinie wird sich auch der Blickwinkel auf die Recyclingquoten hin zu einer Output-Betrachtung ändern, was die Herausforderung zur Quotenerreichung weiter verschärfen wird.
Aufklärung und Unterstützung
Seit 2019 beschäftigen sich die Verbände im Kompetenzzentrum Textil + Sonnenschutz zunehmend intensiv mit dem Thema Kreislaufwirtschaft im Rahmen der Nachhaltigkeitsdiskussion. Neben dem aktiven Aufbau einer Wissensplattform gehen wir auch mit Informationsveranstaltungen aktiv auf die Mitglieder zu. Speziell für die Diskussion mit Organisationen wie dem Bundesumweltamt oder NGOs erheben wir produktspezifische Daten, um zum Beispiel Mengenströme von Materialien nachvollziehen zu können. Da wir die Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft nur entlang der Wertschöpfungskette und zusammen mit der Abfall- und Recyclingwirtschaft werden stemmen können, bauen wir an dieser Stelle unsere Netzwerke zunehmend aus. Ferner beteiligen wir uns an verschiedenen Forschungsprojekten und ermöglichen den Mitgliedern Zugang zu diesen.
Im Dezember 2020 haben wir zur Bewältigung der vielen Herausforderungen das neue Referat Kreislaufwirtschaft geschaffen. Matthias Reuter betreut neben den verschiedenen Netzwerken und Forschungsprojekten auch ganz individuell Mitgliedsunternehmen, die den Einstieg in das Thema suchen oder aber auch schon auf dem Weg sind und Unterstützung benötigen. Aktuell bauen wir eine Landingpage zum Thema Kreislaufwirtschaft auf, die einen zusammenfassenden Überblick über unsere Arbeit gibt (www.kreislaufwirtschaft.eu).

