Mitgliederversammlung des VDPM: Baukrise im Fokus
Die diesjährige Mitgliederversammlung des Verbandes für Dämmsysteme, Putz und Mörtel (VDPM) in Berlin stand ganz im Zeichen der anhaltenden Baukrise und der spürbaren Auswirkungen auf die Baustoffbranche. Entsprechend zeichnete die Podiumsdiskussion am ersten Tag ein kritisches Bild der aktuellen Lage und thematisierte dabei insbesondere das geringe Reformtempo der Politik sowie regulatorische Hürden. Dieser Situation stellt sich der VDPM mit Technik-Kompetenz, professionellen Gremien-Strukturen und dem weiteren Ausbau der Vernetzung.
Die Perspektiven der Bau- und Immobilienwirtschaft in Deutschland sind nicht nur eine Frage der Politik. Vor diesem Hintergrund analysierte Prof. Dr. Tobias Just, Professor für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg, zum Auftakt der Mitgliederversammlung in seinem Impulsvortrag wichtige Einflussbereiche aus dem erweiterten Marktumfeld. Unsicherheit sei in vielerlei Formen auf der Weltbühne dominant zu spüren, was unmittelbar die Bau- und Immobilienwirtschaft belaste. »Auf sinkende Zinsen zu warten, lohnt sich nicht«, erklärte Just, »das Timing ist zu einem Glücksspiel geworden.« Zwar sei eine Rückkehr zu moderatem Wachstum möglich, allerdings falle sowohl der Wirtschaftspolitik als auch den Marktteilnehmern der Bau- und Immobilienwirtschaft die Realisierung schwer, da die maßgeblichen Notwendigkeiten von außen vorgegeben würden. Die Politik sollte für Planungssicherheit sorgen, es fehle jedoch an der Umsetzung und viele Prozesse dauerten zu lange. »2026 wird nach heutigem Stand wieder nicht die Wende bringen, unternehmerische und politische Entscheidungen sind zwingend notwendig. Die Baubranche gehört modernisiert – wir müssen digitaler und größer denken«, forderte Just.
Voting per Smartphone
Seine Erläuterungen bildeten den Einstieg in die Podiumsdiskussion, moderiert von Klaus Stratmann, Chefkorrespondent Klima & Energie beim Handelsblatt. Die weiteren Teilnehmer neben Just waren Christoph Dorn, Vorstandsvorsitzender VDPM, Lutz Brinkmann MdB (CDU), Mitglied im Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen, sowie Esra Limbacher MdB (SPD), stellvertretender Fraktionsvorsitzender für Wohnen und Bau. Per Smartphone-Abstimmung gaben die Teilnehmer ihre Einschätzung der aktuellen Branchensituation ab. 58 Prozent votierten dabei mit »befriedigend« und 38 Prozent mit »schlecht«. Im Dialog wurde deutlich, dass die weitere Entwicklung eng mit der Dauer des Iran-Krieges verknüpft sei. Dorn sprach von »geopolitischen Verwerfungen«, welche die Bauwirtschaft massiv beeinflussen. Brinkmann versicherte, dass die Politik an den notwendigen Strukturreformen arbeite. In den Fraktionen sei man sich einig, dass die Mittel aus dem Sondervermögen tatsächlich für zusätzliche Infrastruktur-Investitionen genutzt werden müssen und nicht zur Haushaltskonsolidierung.
Bauen muss sich wieder rechnen
Im Ranking der am besten geeigneten Maßnahmen für den Anschub im Neubau sahen die Teilnehmer den »Bauturbo« auf Platz 1 (52 Prozent), gefolgt vom Gebäudetyp E (25 Prozent) und der EH-55-Förderung (23 Prozent). Dorn betonte die Sinnhaftigkeit aller drei Maßnahmen, gab aber zu bedenken, dass kurzfristig keine der drei zur Bewältigung der Baukrise ausreichen würde. Brinkmann wies darauf hin, dass der »Bauturbo« dann erfolgreich wirke, wenn Städte und Gemeinden die Möglichkeiten auch konsequent anwenden, hier gebe es derzeit noch viele unterschiedliche Herangehensweisen auf kommunaler Ebene. Für Limbacher stellten die hohen Zinsen den wichtigsten Grund für die Zurückhaltung privater Auftraggeber beim Neubau dar, für Just waren es die enorm gestiegenen Baukosten: »Wir müssen die Regeln so vereinfachen, dass sich Bauen wieder rechnet!«
In einer dritten Abstimmung bewerteten die Teilnehmer drei Effekte der energetischen Modernisierung. 72 Prozent sahen die Energiebedarfssenkung als relevanteste Größe an, 16 Prozent die Kosteneinsparung und 12 Prozent die CO2-Reduktion. Dorn kritisierte, dass in der Politik zu sehr auf das Heizungsthema geschaut werde statt auf die energetische Modernisierung der Gebäudehülle.

Hier müsse das neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) die Akzente entsprechend setzen. Brinkmann und Limbacher gaben sich überzeugt davon, dass das GMG viele dieser Fragen klären und Prozesse auf den Weg bringen werde.
Regulierungsthema bleibt »gigantische Herausforderung«
Zentrales Thema auf dem Podium war schließlich die überdimensionierte Regulierung am Bau. Just sprach hierzu von einer »gigantischen Herausforderung« und ergänzte: »Wir haben zu viele Regeln, die nicht immer Sinn ergeben, etwa bei der Nachverdichtung oder der Umgebungsbebauung. Die schönsten Städte, die wir in Deutschland haben, würden heute gar nicht mehr genehmigt!« Limbacher kritisierte des Weiteren den hohen Umfang an Dokumentations- und Berichterstattungspflichten sowie die zunehmende Kontrolle. Stattdessen forderte er mehr Vertrauen des Staates in die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der Unternehmen. Sich auch mal von den anerkannten Regeln der Technik zu lösen und mehr Innovationen zuzulassen lautete die Forderung von Brinkmann in seinem Diskussionsbeitrag.
Neue Mitglieder und mehr Vernetzung
Der zweite Tag der Mitgliederversammlung widmete sich Verbandsthemen. So konnte der VDPM seit vergangenem Jahr insgesamt sieben neue Mitgliedsunternehmen begrüßen, was gerade in diesen Zeiten ein wichtiges Signal sei. Weiter gab VDPM-Hauptgeschäftsführer Lars Jope einen Überblick über die Aktivitäten der Geschäftsstelle, unter anderem zum Dauerthema Regulierung mit GMG, BauPVO und europäischer Gesetzgebung, außerdem zu Kartellrecht, Datenschutz, IT- und Cybersicherheit. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die interne und externe Kommunikation, letztere vor allem in Richtung Politik in Einzelgesprächen mit den Bau-Experten der Bundestagsparteien und -fraktionen. »Wir intensivieren die Vernetzung mit Verbänden und Institutionen hier in Berlin«, erklärte Jope.
Breites Aktivitätsspektrum in den Gremien
Die Vorstandsmitglieder Matthias Brox und Christian Poprawa informierten anschließend über die wichtigsten technischen Verbandsthemen der letzten zwölf Monate aus den eigenen Arbeitskreisen und Projektgruppen. Der Rückblick galt unter anderem der Kommunikationsoffensive »Energiesparfarbe«, die der VDPM mit weiteren Verbänden bundesweit initiiert hat. Ein Highlight waren die »Branchentage«, die erstmals gemeinsam mit drei Handwerksverbänden im Herbst 2025 in Kassel stattfanden. Laufende aktuelle Projekte widmen sich der Schwerentflammbarkeit von Polyurethan-Dämmstoff in WDVS, der Verdübelung von WDVS-Deckenuntersichten sowie dem Thema Fassadenbegrünung, zu dem es demnächst ein eigenes Merkblatt geben wird. Bei den Software-Tools wurde der WDVS-Planungsatlas um Details zum Holzbau und zu Holzfaserdämmstoffen ergänzt. Seit kurzem steht zudem ein Tool zur Vorbemessung von Windlasten an Gebäudefassaden unter www.wdvs-windlastrechner.de zur Verfügung.

