Paul Geißler GmbH: Werterhalt wird zur Systemfrage

Auf der 24. »werterhalt.org«-Tagung vom 9. bis 11. April 2026 in München wurde deutlich: Der Werterhalt textiler Bodenbeläge steht vor einem Paradigmenwechsel. Was lange als Summe einzelner Reinigungsmaßnahmen verstanden wurde, entwickelt sich zu einem ganzheitlichen System aus Haltung, Fachlichkeit und datenbasierter Anwendung – mit spürbaren Konsequenzen für Hersteller, Planer, Dienstleister und Betreiber.
Zurück zur Basis – mit Blick nach vorn
Unter dem Leitsatz »Werterhalt beginnt im Detail« rückte die diesjährige Tagung den fachgerechten Umgang mit textilen Bodenbelägen ins Zentrum. Im Fokus stand nicht primär die Frage nach immer neuen Verfahren, sondern nach Verantwortung im Umgang mit Materialien, Ressourcen und bestehenden Werten. Deutlich wurde dabei, dass Werterhalt nur dann funktioniert, wenn er konsequent gedacht und systematisch umgesetzt wird – über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
Generationenwechsel
Diese Haltung spiegelte sich auch organisatorisch wider. Mit dem Wechsel in der Geschäftsführung der Paul Geißler GmbH wird die operative Verantwortung auf die nächste Generation übertragen. Lydia Geißler als geschäftsführende Gesellschafterin und Cedric Schörken als Geschäftsführer führen ab sofort das Unternehmen, während Doris und Paul Geißler ihre jahrzehntelange Erfahrung gezielt in die Weiterentwicklung von Qualität, Systematik und Marktverständnis in neuen Rollen einbringen. Die Verbindung von Erfahrung und neuer Perspektive prägte auch das Tagungsprogramm: Grundlagen, theoretische Einordnung und praktische Umsetzung wurden bewusst miteinander verknüpft.
Werterhalt im Kontext regulatorischer Vorgaben
Ein zentrales Thema des fachlichen Austauschs war der steigende regulatorische Druck durch den European Green Deal. Ziel der EU ist es, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen und die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Besonders das Bauwesen gilt dabei als Schlüsselsektor. Für Hersteller textiler Bodenbeläge gewinnen vor allem die neue Bauproduktenverordnung mit verbindlicher CE-Kennzeichnung sowie die Ökodesignverordnung mit dem Digitalen Produktpass an Bedeutung. Beide Regelwerke werden voraussichtlich ab 2028 wirksam und setzen belastbare Daten, Transparenz und nachvollziehbare Systeme voraus. Die klare Botschaft des Arbeitskreises: Werterhalt ist keine optionale Zusatzleistung mehr. Zukünftige Anforderungen an Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Transparenz können nur dann erfüllt werden, wenn Werterhalt konsequent und systemisch gedacht werden.
Praxisperspektive und Auftraggeberblick
Wie sehr Theorie und Praxis ineinandergreifen müssen, zeigte der Beitrag von Nadine Orth (Complex Housekeeping Manager, zuständig für Courtyard by Marriott Munich Garching, Stellaris Apartment Hotel, Science Congress Center Munich) aus Auftraggebersicht. Laut Orth werden verlässliche, sichere und nachhaltige Reinigungskonzepte erwartet, die den laufenden Betrieb nicht beeinträchtigen und gleichzeitig den Wert der Bodenbeläge langfristig sichern. Am Beispiel der über 25-jährigen Zusammenarbeit mit der Paul Geißler GmbH machte sie deutlich, dass eine Reinigung mit minimalem Feuchtigkeitseinsatz und der Verzicht auf Chemie längst Teil unternehmerischer Entscheidungen sind – nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Klarheit durch neue Standards
Mit der für Juni 2026 erwarteten neunten Auflage des Merkblatts »Reinigungsverfahren für textile Bodenbeläge« werden diese Anforderungen verbindlicher gefasst. Ziel ist es, Fehlanwendungen zu reduzieren und Entscheidungsprozesse zu erleichtern. Verfahren werden künftig differenziert nach Belagsart, Konstruktion und Nutzung bewertet. Damit verlagert sich der Fokus von pauschalen Empfehlungen hin zu klaren fachlichen Abgrenzungen. Werterhalt wird so planbarer, nachvollziehbarer und haftungssicherer.
Die wesentlichen Änderungen:
- Saugroboter werden aufgrund ihres geringen Wirkungsgrades für die regelmäßige Unterhaltsreinigung ausgeschlossen
- Ein klar formulierter Ausschlusssatz für nicht aufgeführte Verfahren wird verbindlich verankert
- Systembedingte Rückstände rücken in den Fokus: Reinigungsverfahren können Rückstände hinterlassen, die die Faseroberfläche verändern und das Wiederanschmutzungsverhalten negativ beeinflussen
Eine bewusste Ausnahme bildet das thermoelektrische »TEP-TOP-Clean«-Verfahren, das aufgrund seiner rückstandsfreien Arbeitsweise nicht unter diese Einschränkung fällt.
Differenzierung statt Pauschalempfehlung
Mit der Aufnahme der partiellen Sprühextraktion mittels Polstersaughanddüse wurde das Verfahrensspektrum gezielt erweitert – jedoch nicht als allgemeine Empfehlung, sondern für klar definierte Einsatzbereiche.
Der Ansatz der neuen Merkblatt-Logik verabschiedet sich bewusst von allgemeinen Pauschalempfehlungen zugunsten einer klaren fachlichen Differenzierung. Reinigungsverfahren werden nicht mehr flächendeckend beschrieben, sondern ausschließlich dort aufgeführt, wo sie in Abhängigkeit von Teppichbodenart, Konstruktion, Verlegung und Nutzung fachlich zulässig sind. Verfahren, die für bestimmte Konstellationen ungeeignet sind, entfallen vollständig. Dadurch werden Fehlanwendungen reduziert und Entscheidungen in der Praxis deutlich sicherer. Werterhalt wird so nicht vereinfacht, sondern präzisiert – mit größerer Verbindlichkeit für alle Beteiligten.
Datenbasierter Werterhalt
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Frage, wie Werterhalt messbar wird. Die zentrale Erkenntnis: Einzelmaßnahmen reichen nicht aus, um nachhaltig zu steuern. Erst die systematische Erfassung von Zuständen, Maßnahmen und Entwicklungen über den gesamten Lebenszyklus ermöglicht fundierte Entscheidungen. Das Unternehmen »Carpet Check« hat hierfür eine datenbasierte Systematik entwickelt, die auf eine mehr als 15-jährige Praxiserfahrung von Doris und Paul Geißler in der Bewertung von textilen Bodenbelägen aufbaut. Diese ermöglicht es, den Lebenszyklus textiler Bodenbeläge strukturiert zu dokumentieren, Zustände präzise zu bewerten und fundierte Entscheidungen für Pflege, Werterhalt und Wiederverwendung zu treffen. Damit wird Werterhalt erstmals nicht nur fachlich beschrieben, sondern auch datenbasiert nachvollziehbar und erfüllt eine Anforderung des European Green Deal.

Wiederverwendung als logische Konsequenz
Konsequent weitergedacht wurde dieser Ansatz mit dem Re-Use-System »ENCORE«. Das System ist ein Angebot der Paul Geißler GmbH und beschreibt einen strukturierten Prozess zur Wiederverwendung von Teppichbodenfliesen. Durch fachgerechten Ausbau, materialschonende, chemiefreie Aufbereitung und strukturierte Bewertung wird die Wiederverwendung von Teppichbodenfliesen operativ umsetzbar. Re-Use wird damit vom theoretischen Nachhaltigkeitsziel zur praktikablen Verlängerung des Lebenszyklus – und zum integralen Bestandteil eines systemischen Werterhalts. Die Grundlage bildet das thermoelektrische Reinigungsverfahren »TEP-TOP-Clean«, das eine rückstandsfreie Aufbereitung ermöglicht und gleichzeitig den Wasserverbrauch signifikant reduziert.
Neuer Qualitätsmaßstab
Die 24. »werterhalt.org«-Tagung markiert einen Wendepunkt für die Branche, die sich vom reinen Methodenverständnis entfernt und hin zu einem systemischen Ansatz entwickelt. Werterhalt wird nicht länger beschrieben, sondern strukturiert, differenziert und datenbasiert umgesetzt. Der Schulterschluss von Teppichbodenherstellern, der Paul Geißler GmbH und Auftraggebern zeigt: Nachhaltigkeit im Bodenbelag beginnt nicht mit dem Austausch, sondern mit dem professionellen Umgang mit dem Bestand.


