Rasch und Akzo Nobel interpretieren den Bauhaus-Gedanken neu
Die Tapetenfabrik Gebr. Rasch blickt auf eine lange und ereignisreiche Geschichte zurück. Mit der Marke »bauhaus-Tapete« will sie jetzt die historische Kollektion erneut aufleben lassen und orientiert sich dabei an allen geschichtlichen Hintergründen.
Nur eine Idee hat die Kraft, sich so weit zu verbreiten.« Diese Worte stammen von Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969), Direktor des Staatlichen Bauhauses Weimar, die er 1953 in einer Rede zum 70. Geburtstag des Gründers Walter Gropius aussprach. Auch wenn dieses Zitat schon mehr als 60 Jahre alt und der Zusammenhang nicht gegeben ist, so lässt es sich dennoch perfekt auf die heutige Zeit, insbesondere auf die neue »bauhaus«-Kollektion der Tapetenfabrik Rasch, anwenden.
Mit einer neuen Vliestapetenkollektion in Kombination mit Farben, die in Kooperation mit der Firma Akzo Nobel entstanden sind, lässt Rasch das Bauhaus-Thema noch einmal in einem völlig neuen Ansatz aufleben – und das im doppelten Sinne. Nicht nur das geschichtliche Designthema wird neu aufgegriffen, auch die ungewöhnliche Vermarktungsstrategie, die Dr. Emil Rasch (1904 bis 1971) zu seiner Zeit mutig umzusetzen wusste, soll fast 90 Jahre später ein Wegweiser sein.
Neue Zeiten, andere Schwierigkeiten
Nach aktuellen Wirtschaftsdiagnosen und Verbandsstatistiken gab es in der Tapetenindustrie im ersten Halbjahr 2017 einen deutlichen Rückgang der Verkaufszahlen. Dr. Frederik Rasch betrachtet als Geschäftsführer die Zahlen mit gewisser Sorge: »Wir erleben zurzeit einen schwierigen Markt in der Tapetenbranche. Die Nachfrage ist spürbar zurückgegangen. Wir selbst haben mit einem Marktanteilsgewinn von 2 Prozent zwar eine gute Entwicklung und ein stabiles Inlandsgeschäft, aber sind natürlich trotzdem über die Gesamtverfassung des rückläufigen Marktes 2017 beunruhigt.«
Nachdem in Russland, China und den GUS-Staaten ein gewisser Sättigungsgrad erreicht ist und die Importe zum Großteil durch lokale Produktion ersetzt werden, versucht Rasch, sich stärker auf den deutschen Markt zu konzentrieren. Hier seien zwar keine großen Wachstumsraten wie in den Jahren 2004 bis 2013 zu erwarten, so Frederik Rasch, dafür aber erweise sich der deutsche Markt als stabil und kalkulierbar.
Für die Tapetenfabrik Rasch, die kein Nischenproduzent ist, sondern sich an den gesamten Markt richtet, bedeutet das, sich zukünftig verstärkt auf ihre Schwerpunkte zu konzentrieren. Zum einen ist das der Schwerpunkt Design und zum anderen das Konzept, zu den Mustertapeten passende Stoffe vom Tochterunternehmen Rasch Textil anzubieten. Als ganz neuen Schwerpunkt will Rasch jetzt das Konzept der neuen »bauhaus«-Kollektion etablieren – Strukturtapeten mit passenden Farben von Akzo Nobel.
Der historische Hintergrund
Im Flur vor dem Eingang zum Konferenzraum »Turmzimmer«, das sich in dem Turm des Rasch-Hauptsitzes in Bramsche befindet, welcher auch das Rasch-Logo prägt, hängt eindrucksvoll ein Gemälde von Dr. Emil Rasch. Das Bild malte seine Schwester Maria Rasch, die Schülerin von Kandinsky am Bauhaus war. Sie war es auch, die ihren Bruder zu der Idee einer Bauhaus-Tapete inspirierte und den Kontakt zur Bauhaus-Gruppe herstellte.
Die sozialistisch geprägten Bauhaus-Herren betrachteten das Thema »Tapete« jedoch zunächst mit Abscheu. Die Tapeten, die in Mode waren, hatten hauptsächlich Blumen- und Ornament-Muster und eine starke Farbigkeit, wohingegen sich der Bauhaus-Stil eher an schlichten Formen und Farben orientiert. Außerdem waren Tapeten ein Einrichtungselement für die obere Mittelschicht sowie die Oberschicht und entsprachen damit nicht im Geringsten dem sozialistischen Gedankengut.
Dem Verhandlungsgeschick von Emil Rasch ist es zu verdanken, dass es trotzdem zu einer Kooperation kam. Die Studenten des Bauhauses entwickelten die erste Tapetenkollektion mit dem Titel »blaue Bauhaus-Karte«, die sich nach der Maxime »Volksbedarf statt Luxusbedarf« richtete – gerade für Kunden aus der unteren Mittelschicht und der Unterschicht wurden diese Tapeten zu erschwinglichen Preisen produziert und angeboten.
Nachdem schon die Umsetzung der Idee einer Bauhaus-Tapete sich anfänglich schwierig gestaltete, stieß Emil Rasch in der Vermarktung erneut auf Widerstand. Lediglich sechs Händler nahmen die Kollektion in ihr Programm auf, die übrigen konnten sich nicht mit den für damalige Ansprüche ungewöhnlichen Designs anfreunden und wiesen sie zurück mit Worten wie »Da ist nichts drauf und nichts dran, das ist nicht zu verkaufen«.
Aber auch von diesem Rückschlag ließ sich Emil Rasch nicht einschüchtern. Da die Tapete ohnehin schon gedruckt war, verteilte er rund 10 000 kleine Musterbücher kostenlos direkt an Architekten. Und das mit Erfolg: Die Architekten verstanden das Konzept, konnten sich dafür begeistern und es umsetzen. Damals wie heute fungierten sie als Multiplikatoren für die erste »bauhaus«-Kollektion.
Im Sinne dieses familiengeschichtlichen Hintergrundes hat das Team um die heutigen Geschäftsführer Dr. Frederik Rasch und Dario Rasch-Schulze Isfort eine neue »bauhaus«-Tapetenkollektion geschaffen, welche bereits die Wand hinter dem Gemälde des Großvaters Emil Rasch sowie die Wand des Turmzimmers bekleidet.
Dem Vorbild des Großvaters gefolgt
Die Geschichte des Staatlichen Bauhauses Weimar als Schule und Werkstatt endet mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die Bauhaus für entartet erklärten und 1933 das Schulgebäude versiegelten. In den letzten Zügen vor der endgültigen Auflösung hat Ludwig Mies van der Rohe den Markennamen »bauhaus-Tapeten« an die Firma Rasch verkauft. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass der originale Bauhaus-Stil in der Tapete immer wieder neu aufgegriffen werden kann und nicht ausstirbt.
1933 ins Patentregister eingegangen, ist diese die älteste eingetragene Marke von Rasch, die Frederik Rasch passend als »historisches Erbe, mit allen positiven und negativen Implikationen« bezeichnet. Rasch hat als einziger Produzent für Interior Design die Möglichkeit, das originale Bauhaus auch heute noch zu nutzen und damit lebendig zu halten. Daraus entstehen Alleinstellung und Möglichkeiten, aber es besteht auch eine gewisse moralische Verpflichtung.
In den vergangenen Jahrzehnten hat Rasch immer wieder Neuauflagen der »bauhaus«-Kollektion auf den Markt gebracht – leider mit keinem großen Erfolg. In Zeiten wirtschaftlich schwieriger Lagen wusste sich Emil Rasch zu helfen, und so wollen die Enkel in der heutigen Geschäftsführung sich ein Beispiel nehmen und gleichsam das Werk des Großvaters fortsetzen: »Es hat lange gedauert, bis wir den Mut hatten, uns wieder an das Thema Bauhaus heranzuwagen, weil wir dieses Mal eine andere Umsetzungsstrategie brauchten und die Zeit, um den historischen Ansatz auf moderne Ansprüche zu übersetzen«, so Frederik Rasch.
Kooperation mit Akzo Nobel
Das Warten hat sich gelohnt: Die neue »bauhaus«-Kollektion beeindruckt mit sechs verschiedenen Kategorien an farblosen Strukturtapeten in vielfältigen Designvarianten mit modernen, gradlinigen und klar strukturierten Mustern. Darunter sind einige Vliestapeten mit sehr feinen Strukturen, andere mit fast dreidimensional wirkenden Effekten. Als Besonderheit stellen sich die Tapeten mit auf Vlies kaschiertem Glas-, Polyester- und Polyamid-Gewebe heraus. Für jeden Anwendungsbereich bietet die Kollektion ein passendes Produkt und erfüllt hohe architektonische Ansprüche.
Der Clou: Die Tapeten lassen sich überstreichen und damit gezielt die Effekte der Strukturen hervorheben oder reduzieren. In Kooperation mit Akzo Nobel wurde zu dieser Kollektion passend ein Farbfächer mit originalen Bauhaus-Farben erstellt, die in akribischer Kleinarbeit und mithilfe des Bauhaus-Archivs in Berlin aus alten Bau- und Kunstwerken und Werbeanzeigen herausgesucht wurden.
Entstanden ist eine Auswahl von insgesamt 72 Farbtönen, unterteilt in sechs Gruppen, die zum Beispiel eine von der Bauhaus-Architektur hergeleitete Palette mit pastelligen Tönen beinhaltet, sowie natürlich eine Gruppe mit klassischen Bauhaus-Farben. Außerdem gibt es die Sikkens-Farben in verschiedenen Qualitäten, um die Strukturen auf unterschiedliche Art zu betonen: in flüssiger oder etwas pastöserer Dispersion, als Latex- oder als Metallicfarben. Die Kombinationsmöglichkeiten von Strukturen und Farben erstrecken sich in diesem Konzept auf rund 3000 Varianten, die sich erstaunlich vielfältig präsentieren und im Raum eine dezente, klare und stilechte Optik erzeugen.
Die Umsetzung der »bauhaus-Tapete« für heutige, moderne Ansprüche ist Rasch gelungen. Jetzt geht es dem Tapetenhersteller darum, dieses Konzept am Markt zu etablieren. Und auch hier wird dem Vorbild des Großvaters gefolgt: Da die »bauhaus«-Kollektionen der vergangenen Jahre als fertiges Produkt im Einzelhandel erfolglos blieben, soll jetzt gezielt der Großhandel angesprochen werden. »Die Kollektion an sich hat ja schon eine historische Herleitung erfahren. Auch vertrieblich gesehen können wir aus der Vergangenheit lernen und suchen daher die Nähe zum Architekten und zum Verarbeiter. Das ist ein neues Gebiet für uns, das wir zusammen mit unserem Partner Akzo Nobel erschließen wollen«, erklärt Joachim Stock, Vertriebsdirektor West bei Rasch.
Die neue Kollektion wird auch auf den kommenden Messen präsentiert, auf denen Rasch vertreten ist. 2019 werden das Bauhaus 100-jähriges und die Bauhaus-Tapete 90-jähriges Jubiläum feiern.
Beate Kranen

