Sentinel: Megatrend Gesundheit trifft Megatrend Digitalisierung
Der Zufall hat keine Chance mehr. Gewerbliche Investoren und private Verbraucher erwarten sichere und gesündere Gebäude aus emissionsarmen Produkten. Ein geringerer Krankenstand, höhere Leistungsfähigkeit und mehr Wohlbefinden sind starke Argumente. Zudem entstehen neue digitale Vertriebskanäle für die beteiligten Akteure.
Wohin entwickelt sich die Baubranche und mit ihr Produkte und Services? Die Frage betrifft auch die Akteure, die sich mehr Gesundheit in Immobilien auf die Fahnen geschrieben haben. Eindeutig ist, dass diese ihren Siegeszug weiter fortsetzen wird. Der Beitrag beleuchtet wichtige Trends, sowohl gesellschaftlicher wie auch technisch-fachlicher Art.
Corona als Gamechanger
Allerorten verstärkt und beschleunigt die Corona-Pandemie Entwicklungen. Viele waren zuvor vielleicht angedacht oder in einem frühen Stadium und erfahren jetzt einen enormen Schub. Beim gesünderen Bauen, der Modernisierung und dem Betrieb von Gebäuden wachsen zwei Bereiche zusammen: die beiden Megatrends Gesundheit und Digitalisierung. Befeuert werden diese von bereits vorhandenen Strukturen. Im Bereich gesünderes Bauen sind dies das »Gewusst wie« und die passenden, emissionsarmen Produkte. Nur aus Zufall ein Gebäude mit guter und gesunder Atemluft zu erstellen oder eben nicht, ist keine Option mehr. Denn Gesundheit in Immobilien ist planbar, machbar und bezahlbar. Emissionsarme Produkte sind in allen Bereichen und Gewerken von namhaften Herstellern verfügbar, gerade auch im Bereich Boden- und Wandbeläge. Diese zu finden und sich durch den Dschungel von mehreren Dutzend Labeln zu navigieren, war kompliziert. Spätestens seit Einführung des Sentinel-Portals ist es das nicht mehr. Denn den Kern der Ende 2019 neu aufgesetzten Online-Plattform bildet eine leistungsstarke Datenbank mit normgerecht auf ihre Emissionen geprüften Produkten für alle Gewerke. Rund 100 Hersteller präsentieren aktuell einen entsprechenden Auszug aus ihrem Produktprogramm, täglich kommen weitere hinzu. Gesundheitlich geprüfte Produkte wie emissionsarme Verlegewerkstoffe, Boden- oder Wandbeläge sind allerdings lediglich ein Aspekt erfolgreich realisierter Projekte. Ebenso relevant sind die Integration gesundheitlicher Belange in Projektierung, Planung, Ausführung und Abnahme eines Gebäudes. Diese Qualitätssicherung zu gewährleisten und transparent abzubilden, ist mit dem seit 2007 entwickelten und seit Jahren erfolgreich erprobten Sentinel-Konzept umsetzbar, wie eine fünfstellige Zahl gelungener Projekte zeigt. Der Fokus richtet sich aktuell stark auf den Betrieb von Gebäuden, da in dieser Phase viele Schadstoffe zum Beispiel aus Reinigungsmitteln den Weg zum Nutzer und Bewohner finden können.
Turbo für gesunde Gebäude
Gesundheit war und ist unser höchstes Gut. Die Pandemie hat dies uns allen eindrücklich vor Augen geführt. Gleichzeitig verdeutlicht die Situation den Wert eines gesunden Raumes zum Leben, Arbeiten, Lernen, Erholen. Dies wird nicht ohne Folgen für Kaufentscheidungen bleiben. Denn das Bewusstsein für Schadstoffe und Krankheitserreger, welche unsichtbar sind und gleichzeitig eine Gefahr für die persönliche Gesundheit haben können, ist mit der weltweiten Verbreitung des Coronavirus enorm gewachsen. Selbstverständlich bleiben Preis, Leistung und ein gutes Marketing Bestandteil der Kaufentscheidung. Wer gleichzeitig mit transparenten und vertrauenswürdigen Fakten zu gesundheitlichen Kriterien punkten kann, gewinnt unter diesen Bedingungen mehr denn je die Gunst des Kunden.
Digitale Treiber: Information, Sensorik, Kommunikation
Selbstverständlich braucht es für den Bau und den Betrieb gesunder Gebäude nach wie vor Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Handwerk verstehen. Viele Informationen beziehen diese sowie die späteren Nutzer der Gebäude in Zukunft allerdings digital. Daten werden von Sensoren erfasst, automatisch ausgewertet und vernetzt. Gerade im professionellen Bereich geht an Smart-Building- Lösungen kein Weg vorbei. Daraus entstehen auch neue Geschäftsmodelle, indem die Nutzer nicht nur den gesundheitlichen Status ihres Lebensraumes abfragen können, sondern digital zusätzliche Informationen zu den passenden Produkten und Services erhalten können.
Beispiel Hotel: Eine feinfühlige Sensorik erfasst die Raumluftqualität in Konferenz- und Veranstaltungsräumen ebenso wie in Gästezimmern. Zu hohe Werte zahlreicher Schadstoffe von CO₂ bis hin zu VOC werden automatisch bei Überschreitung festgelegter Grenzen gemeldet, die Elektronik beeinflusst die Lüftungsanlage oder setzt automatische Fenster in Gang. Gleichzeitig erfahren das Facility-Management wie auch Veranstaltungsteilnehmer live, wie gut die Luftqualität ist und welche Vorteile sie persönlich dadurch für Leistungsfähigkeit, Wohlbefinden und Infektionsschutz gewinnen. Schon vor der Anreise informiert das Buchungsportal oder die Website des Hotels den Gast online und in Echtzeit über die Außenluftqualität vor Ort. Einen Klick weiter erhält er Informationen und Tipps zum gesundheitlichen Qualitätsmanagement – von der Reinigung bis hin zu den verwendeten, gesundheitlich geprüften Bau- und Ausstattungsprodukten. Eine Schlüsselfunktion haben dabei Datenbanken wie beispielsweise das Sentinel-Portal, die unabhängig und nach strengen, wissenschaftlich fundierten Kriterien entsprechend ausgezeichnete Produkte, Fachleute und Dienstleistungen aufführen, die einfach nach zahlreichen Kriterien sortierbar sind. So gelingt der Transfer vom Hotelaufenthalt in das private Umfeld. Eine Kampagne für zukunftsfähige Hotelimmobilien mit namhaften Herstellern und Branchenexperten, auch aus anderen Segmenten des nachhaltigen Bauens, steht in den Startlöchern. Neben der Atem- luft spielen hier weitere Aspekte wie Trinkwasserqualität, Energiekonzepte, Schallschutz und Lichtqualität eine tragende Rolle.
Beispiel Office: Das vom Sentinel Haus Institut koordinierte Forschungsprojekt »My Future Office«, an dem namhafte Bauprodukthersteller, Architekten und Experten beteiligt sind, hat eindrucksvoll gezeigt, dass es möglich ist, nach hohen Maßstäben gesündere Büros zu bauen, zu sanieren, zu renovieren und zu unterhalten. Die unterschiedlichen Szenarien wurden in einem in Europa einzigartigen Referenzraum maßstäblich eingebaut und messtechnisch ausgewertet. Diese Ergebnisse in Form von Referenzobjekten in die Breite zu bringen, ist der nächste Schritt. Auch hier vereint die Argumentationskette wissenschaftliche Fakten mit den Forderungen und Wünschen von Menschen. Wenn sich im Kampf um die besten Köpfe die sogenannten High Potentials für ein gesünderes Büro und unter anderem deshalb für einen Arbeitgeber und gegen einen anderen entscheiden, erfährt diese Bewegung zusätzliche Dynamik. Wenn dann in Besprechungsräumen und am Arbeitsplatz jeder Teilnehmende dank Sensorik und moderner IT über die Qualität der Innenraumluft informiert ist, gewinnt dies auch im privaten Bereich weiter an Bedeutung. Dazu ist, zugegeben, noch einiges an Informationsarbeit zu leisten. Aber auch in diesem Segment ist eine spannende Initiative gestartet, die unter anderem wichtige Player der Immobilienbranche integriert.
Die Potenziale lassen sich problemlos für öffentliche Gebäude wie Schulen und Kitas, Senioren- und Pflegeheime sowie für den Wohnungsbau darstellen. Die Bausteine, um gesündere Gebäude sicher zu erstellen und zu betreiben, sind vorhanden – Produkte, Prozesse, Wissen, Vernetzung auf digitaler und persönlicher Ebene für Hersteller, Handel, Investoren, Baufamilien, Handwerker und viele mehr. Der Prozess, diese Innovation in die Breite zu bringen, hat begonnen und lässt sich auch durch Corona nicht aufhalten. Im Gegenteil: Das neue Normal wird das Megathema Gesundheit und damit gesündere Gebäude und (Bau-)Produkte weiter vorantreiben. Eine Situation, die im Rückblick mit den Umbrüchen Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre und dem Ende des Warschauer Pakts in vielen Aspekten vergleichbar ist. Schon damals hieß es »Wer zu spät kommt, …«
Neue Prüfkriterien für Bodenbeläge
In Zusammenarbeit mit dem TFI Aachen hat das Sentinel Haus Institut neue Prüfkriterien für Bodenbeläge veröffentlicht. Die Einhaltung der per Emissionsmessung nach DIN ISO 16000 bzw. DIN EN 16516 ermittelten Werte ist Voraussetzung für die Listung der Produkte im Sentinel-Portal. Die Prüfkriterien gelten für textile Bodenbeläge, flexible Bodenbeläge, Bodenbeläge aus Holz und Holzwerkstoffen sowie sonstige Bodenbeläge. Neben zahlreichen Einzelkriterien müssen 28 Tage nach Beladung der Prüfkammer die Emissionen für die Summe der organischen Verbindungen (TVOC) je nach Belagsart unter 100 bis 300 µg/m³ Raumluft liegen. Der Grenzwert für Formaldehyd beträgt – je nach Produktsparte – maximal 36 µg/m³. Produkte, die aktuell mit »TÜV PROFiCERT product Interior Premium« oder dem Eco-Institut-Label zertifiziert sind, werden mit entsprechendem Nachweis durch das Sentinel Haus Institut freigegeben.
Forschungsprojekt »My Future Office«
Der für das vom Sentinel Haus Institut gemanagte Forschungsprojekt »My Future Office« (www.my-future-office.de) entwickelte europäische Referenzraum am Eco-Institut in Köln steht nach wie vor zur Verfügung. In der europaweit einzigartigen, maßstäblichen Messkammer können Hersteller, Investoren oder Hotelbetreiber komplette Ausstattungen von Räumen unter realen Bedingungen auf Luftschadstoffe messen und dabei auch das Zusammenspiel aller verwendeter Produkte untersuchen lassen. So ist zum Beispiel die Schadstoffmessung komplett ausgestatteter Office- oder Hotelzimmer denkbar. Ebenfalls können Reinigungs -oder Renovierungsarbeiten simuliert und normgerecht messtechnisch begleitet werden.


