TFI Aachen: Wohngesunde Materialien für Innenräume
Wohngesundheit in Innenräumen ist ein wichtiges und ernst zu nehmendes Thema. Die falschen Materialien im eigenen Zuhause können krank machen: Allergische Reaktionen, chronisch werdende Atemwegserkrankungen, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen können die Folge sein. Viele gesundheitliche Beschwerden sind Folgen durch Schadstoffe und Wohngiftstoffe, die in diversen Bau- und Ausbaustoffen stecken.
Seit fast 60 Jahren befasst sich das TFI – Institut für Bodensysteme an der RWTH Aachen unter anderem mit der Forschung, Prüfung und Zertifizierung der Umweltverträglichkeit von Bauprodukten für den Innenraum und somit auch mit »wohngesunden Materialien« für gesunde Arbeits- und Alltagswelten. Egal ob zu Hause, im Büro, in Kindergarten, Schule oder Uni: Der Mensch hält sich in Räumen auf und diese sollten idealerweise zur Gesundheit und zum Wohlfühlen für Klein und Groß beitragen.
Ob im Neubau oder der Sanierung/Renovierung im Bestand – nachhaltig und gesundheitsförderlich ist der Einsatz von natürlichen Materialien in beiden Fällen. Vor allem Bauprodukte, die einen direkten Einfluss auf die Raumluft haben, wie Boden- und Wandbeläge oder Heimtextilien, stehen im Fokus der Forschungsarbeit am TFI, das in diesem Bereich forscht, prüft, zertifiziert und zukünftig auch qualifiziert.
Zentrales Thema dieses Beitrags ist die Raumluft in Wohnräumen durch wohngesunde Bodenbeläge.
Schadstofffrei durchatmen
Bauprodukte wie auch Bodenbeläge können beispielsweise leichtflüchtige VVOC (Very Volatile Organic Compounds), (normal-)flüchtige VOC (Volatile Organic Compounds) und schwerflüchtige organische Verbindungen SVOC (Semi Volatile Organic Compounds) abgeben, die in Innenräumen üblicherweise über die Atmung aufgenommen werden und das Wohlbefinden des Raumnutzers durch akute und/oder langzeitige Schäden beeinflussen können. Bei den leichtflüchtigen organischen Verbindungen oder VVOC sowie den (normal-)flüchtigen VOC handelt es sich in erster Linie um Lösemittel wie Ester, Ketone oder Alkane (zum Beispiel Toluol) sowie um Formaldehyd. Akute und/oder Langzeitwirkungen von flüchtigen organischen Verbindungen können von unangenehmen Geruchsempfindungen und lokalen Reizwirkungen auf die Schleimhäute von Augen, Nase und Rachen bis hin zu systemischen Auswirkungen reichen: Hierzu zählen beispielsweise Reaktionen auf das Nervensystem, allergisierende oder allergieverstärkende bis hin zu kanzerogenen, mutagenen oder reproduktionstoxischen Eigenschaften von Stoffen.
Überblick über mögliche Schadstoffe
Formaldehyd stammt meist aus Farben und Lacken, dazu aus Kunststoffen (zum Beispiel Vinyltapeten) und aus Klebern, häufig also aus Spanplatten, MDF- oder OSB-Platten. Es reizt Augen und Schleimhäute, kann ebenfalls zu Allergien führen, schwächt das Immunsystem und ist in höherer Konzentration erwiesenermaßen krebserregend.
In die Gruppe der schwerflüchtigen organischen Verbindungen SVOC sind Weichmacher und Flammschutzmittel enthalten. Sie lauern in Kunststoffen, Dichtstoffen oder Bodenbelägen. Beläge aus PVC enthalten Phthalate als Weichmacher, die unter anderem aufgrund ihrer hormonähnlichen Wirkung die Fortpflanzungsfähigkeit von Männern beeinträchtigen können.1)
Für die gesundheitliche Bewertung und Anwendung von bestimmten Bauprodukten in Innenräumen sind Eignungsnachweise für VOC-Emissionen zu erbringen. Für die Erfassung der Emissionen wird ein Verfahren angewendet, welches auf der Nutzung einer Prüfkammer und der nachfolgenden Analyse der VVOC, VOC und SVOC anhand eines Gas-Chromatographiegeräts (GC) mit einem Massenspektrometer (MS) und eines Hochleistungsflüssigkeitschromatographen (HPLC) nach DIN EN 16516 basiert.
Das Emissionsverhalten ist die Grundlage zur Einstufung und Klassifizierung eines Bauprodukts nach den aktuellen Prüfnormen und Vergabekriterien verschiedener Bewertungsschemen, Zertifikate, Richtlinien und Umweltzeichen.
Positivbeispiele wohngesunder Bodenbeläge
Aufgrund der anteilsmäßig großen Bodenflächen im Innenraum hat der eingesetzte Bodenbelag eine erhebliche Auswirkung auf die Raumluftqualität. Die Belagsart sollte daher sorgfältig gewählt werden. Besonders gesunde Bodenbeläge finden sich im Bereich von Holzböden, Linoleum, Kork, Naturfaserteppichen, elastischen Belägen aus Biokunststoffen oder Keramik- und Natursteinböden.2)
Besonders zu empfehlen sind emissionsarme Bodenbeläge, die beispielsweise über eine »TÜV PROfiCERT«-Zertifizierung verfügen.
Der »Green Collection Award« beispielsweise ging dieses Jahr bei der »Domotex« an Bodenbeläge, die als umweltfreundlich bewertet, unter gesunden Materialien verortet, nachhaltig produziert und unter sozial verantwortlichen Gesichtspunkten hergestellt wurden.
1) Wohngesundheit: gesund und schadstoffarm wohnen (bau-welt.de)
2) www.raumprobe.com/de/magazin/gesunde-materialien-welche-kriterien-versprechen-heilung-283)
Liste der Preisträger des »Green Collection Awards 2024«
»Grasland Harmony« | Manglam Arts
Der Jury gefiel die Verwendung schnell wachsender Pflanzenfasern in ungefärbtem Zustand und der herrlich natürliche Look der Produkte.
»Salsa Atoll« | Paulig Teppichweberei GmbH
Paulig überzeugte die Jury mit der Schönheit und Ehrlichkeit der Handweberei sowie der rücksichtsvollen Herstellung von »Salsa Atoll« – einschließlich der Verwendung von sicheren, hochwertigen Farbstoffen, der »OEKO-TEX«-Zertifizierung und der starken sozialen Verantwortung.
»Olbia Pure Nature« | Tisca Austria GmbH
Die Jury würdigte und prämierte die traditionelle, handwerkliche Verarbeitung und die Schönheit der natürlichen Farbe der Schafwolle sowie die »GOTS«-Zertifizierung.
»Engineered Hardwood Flooring« | Forestry Timber
Kombination aus intelligentem technischem Ansatz und den überlegenen Qualitäten des genutzten Werkstoffs.
»Lico Denim« | Li&Co AG
Li&Co beeindruckte die Jurymitglieder mit »Lico Denim«, einem innovativen Upcycling-Produkt, das Kleidungsabfälle für die Deckschicht eines Hartbodenbelags verwendet.
»Heat-System natural« | Unifloor Deutschland
Die Jury beeindruckte besonders der Austausch der CO₂-intensiven Betonschicht durch Stroh und andere natürliche Materialien im Gesamtsystem.
»Wicanders Wise Bionatural« | Amorim Deutschland GmbH
Amorim Deutschland überzeugte die Jury durch die kontinuierlichen Bemühungen des Unternehmens, Kork und andere nachwachsende Rohstoffe im Fußbodenbereich einzusetzen.
»Naturalan« | Zipse GmbH & Co. KG
Neben der Verwendung natürlicher Rohstoffe begeisterte die Jury vor allem das firmeneigene Kreislaufwirtschaftssystem.
»Ceramin« | Classen Holz Kontor GmbH
»Ceramin« aus dem Hause Classen ist eine innovative Kombination aus natürlichen Mineralien und Polypropylen für ein langlebiges und leistungsstarkes Produkt, das auch die Jury durch seine Qualität überzeugt hat.
»Tenacity Eco-Composite Flooring« | CFL Flooring
CFL Flooring konnte die Jury mit »Tenacity Eco-Composite Flooring« überzeugen, das einen hohen Anteil an recycelten und natürlichen Materialien enthält und somit eine attraktive Alternative zu weniger nachhaltigen, ölbasierten Produkten darstellt.

