TFI: Ein neuer Blickwinkel – Akustik auf Garn-Ebene
Rund die Hälfte aller Arbeitsplätze in Deutschland sind Büroarbeitsplätze – besonders in Mehrfach- und Großraumbüros ist Lärm ein ständiger Begleiter. Dauerhafte Geräuschbelastung mindert Konzentration, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Eine gute Raumakustik ist daher kein »Nice-to-have«, sondern Grundvoraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Komfort.
Die schalltechnischen Eigenschaften eines Innenraums werden maßgeblich durch die Materialität und Konstruktion seiner Oberflächen bestimmt – ob Decke, Wand, Boden oder Möbelfront. Textilien wie Bodenbeläge, Vorhänge, Wandbespannungen oder textile Akustikelemente tragen hierbei entscheidend zur Schallabsorption bei. Während die Wirkung textiler Flächen schon vielfach untersucht wurde, blieb bislang eine entscheidende Ebene unbeachtet: das Garn selbst. Parameter wie Filamentanzahl, Texturierung oder Materialauswahl könnten die Schallabsorption erheblich beeinflussen. Ein systematisches Prüfverfahren zur Bewertung dieser Einflussfaktoren fehlte bislang.
Genau hier setzt das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie geförderte Projekt »Akustische Garne« (IGF 23058 N1) des TFI Aachen an. Ein Prüfverfahren wurde entwickelt, mit dem sich erstmals die akustischen Eigenschaften von Garnen im Impedanzrohr nach DIN EN ISO 10534-1/-2 messen lassen (siehe Foto).
Im Fokus des Projekts stehen bewusst die Garnstrukturen. Untersucht wird, welche Eigenschaften – etwa die Feinheit der Einzelfilamente oder die Art der Texturierung – besonders vorteilhaft für die Schallabsorption sind. So können Garne und daraus gefertigte Produkte gezielt entwickelt werden. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Mikrostruktur ein entscheidender Einflussfaktor ist (siehe Diagramm).
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse werden im Projekt neuartige Kombinationsgarne entwickelt, deren akustische Wirksamkeit die der bisher eingesetzten Strukturen übertreffen soll. Diese Effekte werden ebenfalls in der textilen Fläche untersucht. Ziel ist es, spezifische Empfehlungen für die Konstruktion akustisch wirksamer Garne und Flächen abzuleiten.
Potenziale für Forschung und Praxis
Die neue Prüfmethode und Forschungserkenntnisse eröffnen zwei zentrale Chancen:
- Gezielte Entwicklung: Schon auf Garnebene wird klar, welche Garne akustisch wirksamer sind. So können Entwicklungsprozesse beschleunigt, Ressourcen effizienter genutzt und nachhaltige Lösungen geschaffen werden.
- Innovation und Wettbewerbsvorteil: Unternehmen erhalten die Möglichkeit, neuartige Garnstrukturen mit besonders hoher akustischer Wirksamkeit zu entwickeln – und sich so klar am Markt zu differenzieren.
Indem die Mikrostrukturen von Garnen verstanden und gezielt gestaltet werden, können Textilien entwickelt und der Geräuschpegel in Innenräumen wirksam gesenkt werden.

