ViS: Erst Corona, dann Krieg
Die Latte für den Erfolg der diesjährigen Jahrestagung in Leipzig lag nach dem vergangenen Jahr mit Nachholbedarf und Rekordbeteiligung in Bamberg durchaus hoch. Doch auch in diesem Jahr war das Feedback wieder groß und die Teilnehmerzahl übertraf deutlich die 100er-Marke. Im Fokus standen diesmal der Bericht über die Verbandsarbeit des zurückliegenden Jahres sowie die strategische Ausrichtung für das kommende.
Im vergangenen Jahr waren die Informationen zur aktuellen Marktlage noch überwiegend von Corona geprägt, insbesondere von den damit verbundenen Rohstoffengpässen und -preisanstiegen. Inzwischen ist die Situation schwieriger denn je und der Krieg in der Ukraine hinterlässt auch bei den deutschen Herstellern von innenliegendem Sicht- und Sonnenschutz seine Spuren.
Bei rund 820 Sonnenstunden im Sommer 2022 läge die Vermutung nahe, dass es für die Hersteller von innenliegendem Sicht- und Sonnenschutz ein guter Sommer war. Doch das Gegenteil ist der Fall: Bei der Auswertung für die Mitglieder des ViS tut sich vielmehr ein »Sommerloch« auf – mit einem Umsatzminus von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Absatz (ohne Flächenvorhänge) weist sogar ein Minus von 10 Prozent auf. Diese Ergebnisse offenbaren, wie stark das Konsumverhalten der Verbraucher aktuell von Zurückhaltung und Preissensibilität geprägt ist. Besonders tragisch ist diese Entwicklung, weil gerade der hochwertige Sicht- und Sonnenschutz nicht nur vor zu großer Wärme im Sommer schützt, sondern mit seinen smarten Lösungen zudem in der Lage ist, einen wichtigen Beitrag zum sparsamen Heizen zu leisten. Bei den Umsatzanteilen der Produktgruppen in der Maßkonfektion gibt es auch 2022 kaum Verschiebungen. Plissees (36,7 Prozent) und Wabenplissees (12,3 Prozent) bleiben zusammen nach wie vor die umsatzstärkste Fraktion, wobei die Plissees als einzige Produktgruppe ihren Marktanteil leicht (um einen Prozentpunkt) ausbauen konnten. Trotz minimaler Verluste (–0,4 Prozent) folgt der Insektenschutz mit 19 Prozent Umsatzanteil direkt auf Plissees/Wabenplissees. Rollos haben – wie im Vorjahr – 0,3 Prozent abgegeben, belegen aber weiterhin Platz drei bei den Umsatzanteilen. Alle anderen Produktgruppen bleiben bei den Umsatzanteilen unverändert.
Besorgte Hersteller
Auch die Konjunktur-Erwartungen der ViS-Mitglieder für die kommenden Monate sind wenig vielversprechend. Dies bringen die Ergebnisse zweier Befragungen aus den Monaten Juli und September deutlich zum Ausdruck. An der aktuellen Blitzumfrage haben sich 22 Mitgliedsunternehmen (16 Hersteller, sechs Zulieferer) beteiligt, bei der vorherigen waren es 41 Unternehmen (23 Hersteller, 18 Zulieferer). Insgesamt rechnen die Mitglieder in den kommenden Monaten mit weiter deutlich steigenden Preisen für Gas, Strom und Rohstoffe.
Insbesondere die Entwicklung der Gaspreise wird pessimistisch eingeschätzt, einzelne Mitglieder erwarten sogar eine Verdreifachung oder Vervierfachung der Preise. Während im Juli noch 51 Prozent der teilnehmenden Unternehmen daran glaubten, bis zu 25 Prozent ihrer Mehrausgaben in den nächsten Monaten an ihre Kunden weitergeben zu können, hat sich diese Einschätzung im September deutlich eingetrübt: Jetzt hofft die Mehrheit darauf, zumindest noch bis zu 10 Prozent ihrer gestiegenen Kosten weitergeben zu können. 14 Prozent glauben inzwischen gar nicht an eine mögliche Weitergabe der Preissteigerungen (im Juli lag dieser Wert noch bei nur 1 Prozent).
Besonders eindrücklich ist das Antwortergebnis auf die Frage, ob die Unternehmen befürchten, dass Verbraucher mit größeren Anschaffungen für das eigene Zuhause in der nächsten Zeit zurückhaltend sein werden und dass dies auch die Hersteller von innenliegendem Sicht- und Sonnenschutz betreffen wird. Diese Frage wurde von allen Teilnehmern mit Ja beantwortet. Die dadurch zu erwartenden Umsatzeinbußen schätzen insgesamt 76 Prozent der Umfrageteilnehmer auf 10 bis 30 Prozent. Mit sogar über 50 Prozent Einbußen rechnen immerhin 6 Prozent. Schon in der Juli-Befragung schätzte eine Mehrheit von 58 Prozent die Aussichten für die Umsatzentwicklung bezogen auf das Gesamtjahr 2022 als eher schlecht ein. In diesem Zusammenhang stellen sich die Auswirkungen der Corona-Krise für die meisten Unternehmen so dar wie erwartet und werden ganz offensichtlich vom Ukraine-Krieg und den damit verbundenen Sanktionen überschattet. Obwohl 37 Prozent der teilnehmenden Unternehmen im Juli angaben, davon betroffen zu sein, glauben 58 Prozent daran, dass die Lieferketten trotz der Krisen unverändert fortbestehen werden.
Themen und Projekte
Neben dem Neustart seiner Website hat der ViS in Zusammenarbeit mit seinen Partnerverbänden, dem Verband der deutschen Heimtextilien-Industrie (Heimtex) und dem Fachverband Matratzenindustrie, die neue Verbands-App gelauncht. Sie ersetzt zum einen den Mitgliederbereich, der bisher über die Homepage erreichbar war. Zum anderen ermöglicht die Verbands-App den Mitgliedern, in den direkten Austausch zu gehen, an Umfragen teilzunehmen oder Rundschreiben und Pressemitteilungen jederzeit abzurufen. In diesem Jahr erfolgten außerdem inhaltliche Anpassungen der »Richtlinie Produkteigenschaften«, geplant ist zudem die Überarbeitung der Bildschirmarbeitsplatzbroschüre.
Ebenfalls erneuert wird aktuell das beliebte Lehr- und Informationsbuch »Sicht- und Sonnenschutz – Verbindung von Design und Funktion«. Besonders erfreulich sind die Ergebnisse der Untersuchungen von verfärbten Fensterrahmen. Hier kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Reklamationen bei den Mitgliedsunternehmen, bei denen behauptet wurde, der innenliegende Sicht- und Sonnenschutz wäre für schwarze Verfärbungen an Kunststoffrahmen verantwortlich. Dank tatkräftiger Unterstützung des Bundesverbandes der vereidigten Sachverständigen für Raum und Ausstattung (BSR), in Person von Klaus H. F. Zinke, hat der ViS verfärbte Rahmen beim Institut für Fenstertechnik (ift) in Rosenheim untersuchen lassen – mit dem Ergebnis, dass der innenliegende Sicht- und Sonnenschutz allem Anschein nach nicht für die Verfärbungen zuständig ist. Derzeit laufen noch Vergleichsuntersuchungen mit anderen Kunststoffarten, um die ersten Ergebnisse zu bestätigen und eine belastbare Aussage zu erzielen.
Nicht zuletzt spielt das Thema Kreislaufwirtschaft trotz der aktuellen Krisen eine immer größere Rolle bei den ViS-Mitgliedern. Circular-Design und die Schaffung einer Rückwärtslogistik sind notwendige Schritte, um Materialien aus Produkten an ihrem Lebensende wieder als Rohstoffe verfügbar zu machen.
Weiterhin braucht es angepasste zirkuläre Geschäftsmodelle (Circular Business Models, CBM). Vor diesem Hintergrund haben die Mitglieder Verotex (mit Convarox), Benthin und Teba die Möglichkeit wahrgenommen, an einem »CIRCO«-Workshop der Effizienz-Agentur NRW teilzunehmen. Der Fokus des Workshops lag darauf, den ViS-Mitgliedern Möglichkeiten aufzuzeigen und Werkzeuge an die Hand zu geben, um ihre Produkte kreislauffähiger zu gestalten.
Im kommenden Jahr blickt der ViS auf sein 75-jähriges Bestehen zurück. Wo und in welchem Rahmen die Mitgliederversammlung stattfinden wird, steht noch nicht fest. Was aber feststeht ist das Datum der nächsten ViS-Tagung: 12. und 13. Oktober 2023.

