ViS: Verband feiert 75-jähriges Jubiläum
Rund 130 Gäste waren zur 75-Jahr-Feier des Verbandes innenliegender Sicht- und Sonnenschutz (ViS) nach Köln gekommen, um an Bord der MS Jan von Werth den Geburtstag des Verbandes auf dem Rhein gebührend zu feiern. Dabei standen neben dem obligatorischen Jubiläums-Rückblick die Lage der Branche und weitere aktuelle Themen auf der Agenda.
Wie auch in den vergangenen Jahren startete man mit der internen Mitgliederversammlung. Im Fokus standen dabei der Bericht über die Verbandsarbeit des zurückliegenden Jahres sowie die strategische Ausrichtung für das kommende Jahr. Ebenso stand die Neuwahl des Vorstands an. Neben Ingo Fahl (ifasol), der bereits seit 2013 den Vorsitz innehat, und Andreas Kopetschny (MHZ Hachtel), der ebenfalls im Amt bestätigt wurde, freut sich der ViS über tatkräftige Verstärkung durch Ulf Kattelmann (KADECO Sonnenschutzsysteme) und Heiko Ziffer (Teba). Hildegard Frommherz, die nicht mehr zur Wiederwahl stand, wurde herzlich verabschiedet.
Am Nachmittag folgte dann der festliche Teil der Veranstaltung. Alle geladenen Gäste fuhren auf dem Rhein mit der MS Jan von Werth flussaufwärts und wurden dabei von Comedian Dr. Wegmann bestens unterhalten. Ein echtes Highlight: Als Wegmann seinen Vortrag begann, ahnte noch keiner der Gäste, wie sich die Ereignisse in den nächsten Minuten überschlagen werden. Jeder erwartete einen trockenen Fachvortrag sowie einen anstrengenden Aufenthalt von Berufs wegen. Zuerst stolperte der Comedian recht ungelenk durch seine Rede und kämpfte mit Text und Technik. Bald merkten die Zuhörer jedoch erfreut: hier stimmt etwas nicht. Und dann ging es rund: Kaum hat der Referent die ersten Tücken seines Vortrags gemeistert, stieg er voll ins Thema ein und betrachtete es mit dem Auge eines Kabarettisten. Der Blick ins Publikum zeigte, wie viel Spaß die Zuhörer an seinem maßgeschneiderten Humor hatten.
Am zweiten Tag folgte der öffentliche Teil der Mitgliederversammlung. ViS-Geschäftsführer Martin Auerbach begrüßte die neuen ViS-Mitglieder (Sonnenschutzhersteller Cortina und die Lieferanten H. Büsche sowie Jiecang Europe) und führte das Auditorium durch 75 Jahre Verbandsgeschichte, beginnend mit der Gründung des Springrolloverbandes 1948 in Oldenburg. Ferner berichtete er über die Projektarbeit des ViS. Der Verband bietet unter dem Dach des Kompetenz-Zentrums Textil + Sonnenschutz interessierten Mitgliedern mit seinem Nachhaltigkeitsnetzwerk ReNewTex eine Plattform, kreislauffähige und nachhaltige Produkte zu entwickeln. Die Mitgliederversammlung endete mit einem humoristischen Vortrag von Matthias Machwerk, der feststellte, dass früher nicht alles besser war.
Kein »Back to Normal«
Der Mensch neigt dazu, vergangene Ereignisse im Nachhinein schönzufärben und sie als Messlatte bei aktuellen Entwicklungen zu nutzen. Daher ist es wichtig, sich regelmäßig zu vergegenwärtigen, dass frühere Zeiten nicht ausnahmslos rosig waren. Dennoch kann sich vermutlich niemand davon freisprechen, gerade in Krisenzeit den Ist-Zustand mit der erst kurz zurückliegenden positiven Zeit zu vergleichen. Derzeitig wird die »Nach-Corona-Zeit« mit den Jahren vor Corona verglichen. Einschränkungen mit und durch Corona scheinen im Jahr 2023 kein Thema mehr zu sein. Viele Unternehmen erhoffen sich daher die vergleichsweise ruhigen Zeiten vor Corona zurück. Tatsächlich ist das Weltgeschehen keinesfalls mehr mit 2019 auf eine Stufe zu stellen. Die Ausgangslage für viele Unternehmen ist weiterhin schlecht. Die Geschäftsergebnisse der deutschen Hersteller von innenliegendem Sicht- und Sonnenschutz fallen in diesem Jahr deutlich negativer aus. Grund sind zahlreiche Krisen sowie deren direkten und indirekten Auswirkungen, wie beispielsweise die hohe Inflation und der Fachkräftemangel. Etwas Entspannung zeigt sich hingegen bei den Themen Materialverknappung und Energiekosten, die den Unternehmen im letzten Jahr große Sorgen bereitet hatten.
Fehlende Nachfrage und Umsatzrückgang für 2023
Der Sommer 2023 hat in Deutschland nach dem bereits sehr sonnigen und warmen Vorjahr noch mal eins draufgelegt. Dennoch war 2023 für die Branche innenliegender Sicht- und Sonnenschutz bislang kein gutes Jahr und wird insgesamt ein Minusjahr werden. Die größte Herausforderung sowohl für den stationären als auch den Online-Handel ist der Frequenzmangel der Kunden. Die Unternehmen leiden unter der fehlenden Nachfrage, die sich mit Ausnahme von Rollos bei den anderen Produktgruppen mit einem Absatzrückgang teilweise im zweistelligen Bereich zeigt. Beim Umsatz weisen einzig Rollos und Wabenplissees ein Plus auf (siehe hierzu den Beitrag »Umsatzrückgang bei Heimtextilien und innenliegendem Sonnenschutz« auf Seite 24).
Diese Ergebnisse offenbaren zwei Effekte bei den Verbrauchern: Kaufzurückhaltung und Preissensibilität sowie ein gedeckter Bedarf auf der einen Seite, andererseits das Umlenken der vorhandenen Finanzen in teure Reisen. Der für die Branche so positive Trend der Verbraucher, in das eigene Zuhause zu investieren, kommt in diesem Jahr scheinbar nicht mehr zum Tragen.
Die Entwicklung bei den Umsatzanteilen der Produktgruppen in der Maßkonfektion verläuft 2023 ähnlich zum Vorjahr. Plissees (35 Prozent) und Wabenplissees (13 Prozent) bilden zusammen nach wie vor die umsatzstärkste Fraktion, wobei einzig die Wabenplissees ihren Marktanteil leicht (um einen Prozentpunkt) ausbauen konnten. An zweiter Stelle steht der Insektenschutz mit 18 Prozent trotz eines geringen Verlustes von einem Prozentpunkt. Rollos belegen mit 15 Prozent Platz drei bei den Umsatzanteilen und konnten zwei Prozentpunkte dazugewinnen. Die Umsatzanteile der übrigen Produktgruppen wie Lamellen, Jalousien, Flächenvorhänge und Doppelrollos sind unverändert zum Vorjahr.
ViS-Jahresumfrage verdeutlicht die Besorgnis der Hersteller
An der Jahresumfrage Ende Juni haben sich 28 Mitgliedsunternehmen (18 Hersteller, 10 Lieferanten) beteiligt.
54 Prozent der Teilnehmer beurteilen die Umsatzentwicklung im 2. Quartal im Vergleich zum 1. Quartal als gut bzw. eher gut, 46 Prozent bewerten sie als schlecht bzw. eher schlecht.
Was die Bewertung der Auftragslage im 2. Quartal verglichen mit dem 1. Quartal betrifft, so ist die Meinung der Teilnehmer gespalten. Je zur Hälfte wird sie als gut/eher gut und als schlecht/eher schlecht bewertet und ist in der unterschiedlichen Ausrichtung (stationärer vs. Onlinehandel, Raumausstatter vs. Discounter etc.) der Verbandsmitglieder begründet.
Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer geben an, besonders von Kostensteigerungen betroffen zu sein. Dabei leiden rund 40 Prozent vor allem unter den hohen Belastungen bei der Material- und Rohstoffbeschaffung, für rund ein Viertel schlagen die Kosten im Bereich Personal und Verwaltung am meisten zu Buche. Transport- und Energiekosten liegen mit je 17 Prozent an letzter Stelle und zeigen, dass zumindest hier Entspannung eingetreten ist. Zwei Drittel der Teilnehmer geben an, geplante Investitionen in den nächsten zwölf Monaten eher vorsichtig anzugehen bzw. zurückzustellen, das verbleibende Drittel wird die Investitionen wie geplant durchführen.
Themen und Projekte
Erneut blickt der ViS auf ein ereignisreiches Projektjahr zurück.
Das Standardlehrbuch für die Branche »Sicht- und Sonnenschutz – Verbindung von Design und Funktion« wird nach fast 15 Jahren überarbeitet. Auch wenn der wesentliche Inhalt nach wie vor »State of the Art« ist, haben sich über die Jahre Änderungen ergeben, nicht zuletzt durch die Digitalisierung, die mit Smart Home in die eigenen vier Wänden einzieht. Die Projektgruppe hat ihre Arbeit aufgenommen und die Fertigstellung zur Jahrestagung 2024 avisiert.
Ferner wurde eine neue Projektgruppe »Regularien« gegründet. Hintergrund ist die zunehmende Regelungsflut auf deutscher und europäischer Ebene. Mit der Projektgruppe soll eine übersichtliche Sammlung relevanter Regelungen erarbeitet werden, die die Mitglieder in ihrer täglichen Arbeit unterstützt. Der Impuls kam aus der Gruppe der Lieferantenmitglieder.
Weiter ist positiv anzumerken, dass die Ursache zur Verfärbung von Fensterrahmen aus Kunststoff abschließend geklärt werden konnte und das Sachverständigen-Gutachten vom beauftragten Institut für Fenstertechnik in Rosenheim (IFT) vorliegt. Aus der Untersuchung geht hervor, dass die Verfärbungen auf eine thermische Belastung des Kunststoffs zurückzuführen sind und nicht durch den eingesetzten Sicht- und Sonnenschutz.
Das Megathema Kreislaufwirtschaft ist bei den Verbandsmitgliedern weiterhin omnipräsent, ebenso das Bewusstsein für die damit einhergehende notwendige Transformation. In der Praxis wird das Thema besonders in turbulenten Zeiten von den Anforderungen des Tagesgeschäfts überlagert und rückt dadurch unbeabsichtigt in den Hintergrund. So nahmen drei ViS-Mitglieder an einem sogenannten »CIRCO«-Workshop der Effizienz-Agentur NRW teil. Das Ziel, die Entwicklung eines zirkulären Geschäftsmodells, ist erreicht worden, die Umsetzung steht allerdings aus den oben genannten Gründen noch aus. Damit ist das Plissee-Team nicht allein, andere »CIRCO«-Teams berichten von ähnlichen Erfahrungen. Momentan prüft die Effizienz-Agentur die Möglichkeit eines praxisorientierten Workshops, um die Teilnehmer bei der Umsetzung der Ideen zu begleiten.
Nächste Veranstaltungen
Zum 5. Netzwerktreffen lädt das Kompetenz-Zentrum Textil + Sonnenschutz die ViS-Mitglieder gemeinsam mit den Mitgliedern des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie (Heimtex) und des Fachverbandes Matratzenindustrie am 26. April 2024 nach Wuppertal ein.
Die nächste ViS-Jahrestagung findet am 26. und 27. September 2024 statt, der Ort wird noch bekanntgegeben.

