Wie die deutsche Wirtschaft leidet: Große Worte, keine Taten
Die deutsche Wirtschaft leidet unter hohen Energiepreisen und wachsender Unsicherheit bei der Stromversorgung – was dazu führt, dass Investitionen zurückgehalten, der Produktionsstandort infrage gestellt und die internationale Wettbewerbsfähigkeit geschwächt werden. Vor diesem Hintergrund klang Friedrich Merz’ Aussage im Sommer 2023 wie ein energischer Kurswechsel: »Wir würden sofort alle stillgelegten Kernkraftwerke wieder ans Netz nehmen« (BILD am Sonntag, 27. August 2023). Auch am 4. November 2024, also mitten im Wahlkampf, titelte die BILD-Zeitung: »Atom-Hammer: Union will zurück zur Kernkraft ++ Abgeschaltete AKW sollen wieder ans Netz ++ Zudem sollen Mini-AKW her« – und befeuerte damit die Erwartung, dass mit einem Kanzler Merz ein energiepolitischer Richtungswechsel bevorstehe.
Doch nur knapp ein Jahr später, am 25. Oktober 2025, wurden in Gundremmingen die Kühltürme des ehemaligen Atomkraftwerks gesprengt – und zwar unter seiner Kanzlerschaft. Die Symbolik ist deutlich: Während Bundeskanzler Merz zuvor den Eindruck erweckt hatte, dass die Rückkehr zur Kernenergie nur eine Frage des politischen Willens sei, wurde in seiner Amtszeit ein weiteres Stück Atom-Infrastruktur unwiderruflich beseitigt.
Dabei hätte es durchaus Gesprächsbereitschaft gegeben. Im März 2025, also kurz nach der Bundestagswahl und mitten in der schwarz-roten Regierungsbildung, veröffentlichte der Branchenverband Kerntechnik Deutschland (KernD) ein Positionspapier mit dem Titel »Mit dem Kernkraft-Neustart die Klimaziele 2045 erreichen!«
Darin bot KernD der künftigen Bundesregierung fachlichen Austausch und technische Unterstützung an, um bis zu sechs abgeschaltete Kernkraftwerke bis 2030 wieder in Betrieb zu nehmen. Das Einsparungspotenzial wurde mit rund 65 Mio. Tonnen CO₂ pro Jahr beziffert – und das laut Verband ohne Abstriche bei der Sicherheit. Die geschätzten Kosten pro Reaktor lagen zwischen 1 und 3 Milliarden Euro, abhängig vom jeweiligen Rückbaustatus. Voraussetzung für eine Wiederinbetriebnahme wäre ein politischer Richtungswechsel und ein sofortiger Rückbau-Stopp gewesen.

Obwohl Merz nach der Wahl ein Rückbau-Moratorium sowie eine Prüfung der Wiederinbetriebnahme ankündigte, reagierte er auf das Angebot von KernD im März 2025 nicht. So ist weder in offiziellen Terminkalendern noch in Protokollen aus dem Kanzleramt oder Bundestag eine Antwort oder ein Treffen dokumentiert.
Weiter auf Kurs
Gleichzeitig sprechen sich Betreiber wie RWE oder E.ON – die selbst mit gebildeten Rückstellungen für die Stilllegung und den Rückbau der AKW aufkommen müssen – klar gegen eine Wiederinbetriebnahme aus mit der Begründung, dass bereits zu viele Milliarden für den Rückbau geflossen seien und die wirtschaftlichen sowie rechtlichen Hürden zu hoch wären.
Auch hier blieb die Bundesregierung Taten schuldig. Dabei wäre denkbar gewesen, etwa gezielte Investitionsanreize zu schaffen, regulatorische Hürden abzubauen oder eine staatliche Beteiligung an den hohen Wiederinbetriebnahme- und Sicherheitskosten in Aussicht zu stellen. Auch ein Dialog mit den Unternehmen über technische Machbarkeit und Zeitrahmen hätte helfen können, Vertrauen aufzubauen und die Bereitschaft zur Kooperation zu erhöhen. Stattdessen gab es keine erkennbare politische Bewegung, keine Gesetzesinitiative, geschweige denn einen Rückbau-Stopp – bis schließlich mit Sprengung der Kühltürme in Gundremmingen einem möglichen Comeback der Kernkraft eine deutliche Absage erteilt wurde. Deutschland bleibt damit also weiter auf seinem einsamen Kurs in die »grüne Transformation«.
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