10.10.2024 | Fachthemen Seite 41-43 in Ausgabe 6/2024

Wirtschaftsstandort Deutschland: Digitalisierung – Stau auf der Datenautobahn

Man kann es ihm wohl nachsehen, dass der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl die »Datenautobahn« 1994 noch in den Verantwortungsbereich des Verkehrsministeriums verortete. Doch auch für Bundeskanzlerin Angela Merkel war das Internet im Jahr 2013 offenbar immer noch »Neuland«. Wundert es da jemanden, dass Deutschland bis heute in Sachen Digitalisierung oft hinterherhinkt, während Volkswirtschaften wie China und die USA, aber auch viele kleinere Länder wie Dänemark, Österreich und Estland, längst an uns vorbeigezogen sind?

"Führende Unternehmen fordern eine schnellere und flächendeckende Verbreitung von Internetanschlüssen in Deutschland. (…) Eine Studie hat darauf hingewiesen, dass Menschen ohne Internet-­Zugang deutliche Nachteile in der Ausbildung haben." Tagesschau-Moderation 24. August 2000

Fast ein Vierteljahrhundert später zeichnen aktuelle Umfragen und Rankings nach wie vor kein gutes Bild. So erreichte Deutschland letztes Jahr in einem weltweiten Länderranking zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit einen Indexwert von 80,86 Punkten und landete damit auf Platz 23 von 64 (Statista, 2024). Unter den EU-Ländern belegte Deutschland im neuesten »Digital Economy and Society Index« (DESI) einen mittelmäßigen 13. Platz. Und auch bei einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbandes Bitkom, an der 602 Unternehmen in Deutschland ab 20 Beschäftigten teilnahmen, sahen 43 Prozent die deutsche Wirtschaft im Bereich der Digitalisierung im Mittelfeld. 25 Prozent schätzten sie eher als Nachzügler ein und nur 20 Prozent platzierten die deutsche Wirtschaft in der Spitzengruppe. 76 Prozent kritisierten zudem, dass deutsche Unternehmen digitale Technologien zu wenig einsetzen. 
Kein besonders gutes Zeugnis für eine Industrienation wie Deutschland – und das, obwohl fast neun von zehn der befragten Unternehmen (87 Prozent) angaben, dass die Nutzung digitaler Technologien für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ihrer Meinung nach entscheidend sei. 

Mit Schubkraft in die digitale Zukunft? 
Dabei sollte der »digitale Aufbruch für Deutschland« doch eigentlich längst durchstarten. So lautete zumindest die Ambition der Ampel, als sie Ende 2021 den gemeinsamen Koalitionsvertrag unterschrieb – mit dem Ziel, die digitale Transformation in Deutschland voranzutreiben und die Bundesrepublik als technologie- und Innovationsstandort wirtschaftlich voranzubringen. »Wir verlieren uns nicht in Zukunftsvisionen, sondern gehen Digitalisierung jetzt ganz konkret an«, versprach Digitalminister Volker Wissing Ende August 2022, als er die »Digitalstrategie für Deutschland« in Meseberg schließlich vorstellte. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz meldete sich auf X (ehemals Twitter, 29. Juli 2023) zu Wort und kündigte diesmal keinen »Doppel-Wumms« (2022), sondern einen »kräftigen Schub« für die deutsche Wirtschaft an. 

"Sinnbild für den Stand der Digitalisierung in Deutschland: Laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom nutzen mehr als 80 Prozent aller Unternehmen in Deutschland, die mehr als 20 Mitarbeiter haben, noch das Fax-Gerät – im Jahr 2023."

Fortschrittlich und zukunftsorientiert klingt das, spiegelt die Realität bisher allerdings nur bedingt wider. So wurden von den 334 im Koalitionsvertrag festgelegten Digitalisierungszielen bis Anfang 2024 nur 60 umgesetzt, was etwa 18 Prozent entspricht; 77 Vorhaben wurden bis dahin gar nicht erst begonnen (23 Prozent). 

Gas geben
Doch es gibt auch Positives zu vermelden: So wurden beispielsweise Planungs- und Genehmigungsverfahren für die digitale Infrastruktur beschleunigt und Funklöcher gestopft. Zudem befinden sich zwei Drittel (66 Prozent) der Digitalisierungsvorhaben immerhin bereits in der Umsetzung. Darüber hinaus wurden dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) statt der ursprünglich geplanten 38,7 Milliarden Euro (vgl. 2023: 35,6 Milliarden) für das laufende Jahr 44,15 Milliarden Euro Finanzmittel zur Verfügung gestellt.

"Jedes einzelne Unter­nehmen benötigt jetzt eine Kraft­anstrengung, um bei der ­Digitalisierung von der ­Planung in die Umsetzung zu kommen. Analoge Geschäftsmodelle sind keine Antwort auf einen sich verschärfenden Wettbewerb. Das Management ist gefordert, die Chancen der Digitalisierung zu ergreifen." Dr. Ralf Wintergerst Bitkom-Präsident

Nichtsdestotrotz wird die Zeit allmählich knapp. Denn mit Ende der Legislaturperiode im kommenden Jahr möchte sich die Bundesregierung daran messen lassen, ob sie das in der Digitalstrategie gesteckte Ziel erreicht hat, es bis 2025 in die Top 10 zu schaffen. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst mahnte daher bereits im letzten Jahr, dass die Bundesregierung ihre Digitalpolitik mit sehr viel Nachdruck betreiben müsse, um ihre selbstgesteckten Ziele vor den nächsten Wahlen noch zu erreichen. Eine zögerliche Digitalpolitik belaste sonst die Wirtschaft und sorge für Verdruss, lautete sein Appell (dpa, 29. August 2023). Da heißt es »Gas geben« für die Ampel, denn ihr bleibt dafür inzwischen weniger als ein Jahr Zeit.

"Als rohstoffarmes Land, das noch dazu vor einem gra­vierenden demo­­grafischen Wandel steht, müssen wir stärker als in der Vergangenheit auf digitale Technologien setzen. Gerade Künstliche ­Intelligenz bietet riesige­ ­Chancen und mischt in fast allen Branchen die Karten neu." Dr. Ralf Wintergerst Bitkom-Präsident

Ausgebremst
Die überwiegende Mehrheit der Unternehmen sieht sich bei der Digitalisierung durch externe Faktoren gebremst. Zu den Hauptursachen zählen steigende Energiekosten mit 98 Prozent sowie eine fehlende Wachstumsdynamik und Unterbrechungen in der Lieferkette mit jeweils 97 Prozent. Auch die Inflation und das hohe Zinsniveau wirken sich für 96 Prozent negativ aus. Der Krieg in der Ukraine wirkt sich für 60 Prozent der Unternehmen negativ auf die Digitalisierung aus. Kritik äußern die Unternehmen auch an der Politik: 97 Prozent sehen die Maßnahmen der Bundesregierung und 84 Prozent die der Landesregierungen als hemmende Faktoren (Digitalverband Bitkom 2024, Umfrage mit 606 Unternehmen ab 20 Mitarbeitern). 

Folgen der versäumten Digitalisierung
Langsame Internetverbindungen und schlechte Netzabdeckung beeinträchtigen hierzulande besonders in ländlichen Gebieten die Produktivität und Innovationskraft der Unternehmen, da sie Schwierigkeiten haben, moderne Technologien wie Cloud-Computing, IoT und KI zu implementieren. Die mangelnde digitale Infrastruktur verhindert zudem, dass Unternehmen von datengetriebenen Geschäftsmodellen profitieren, während internationale Wettbewerber mit besseren digitalen Infrastrukturen schneller und effizienter arbeiten können. Im öffentlichen Sektor führen langsame und ineffiziente digitale Prozesse zu erhöhtem Aufwand und höheren Kosten für Unternehmen. Darüber hinaus behindern Verzögerungen bei der Bearbeitung von Förderanträgen und Genehmigungen die schnelle Umsetzung von Projekten. 
Datensicherheits- und Datenschutzbedenken führen dazu, dass Unternehmen zögern, digitale Lösungen vollständig zu implementieren, während die Einhaltung strenger Datenschutzgesetze zusätzliche Kosten und Aufwand verursacht. Die langsame Umsetzung von e-Government behindert zudem schnelle und effiziente Transaktionen zwischen Unternehmen und dem Staat. Nicht zuletzt hat auch das deutsche Bildungssystem den Anschluss verpasst: Im »Digital Economy and So-ciety Index« der Europäischen Union (DESI 2023) belegte Deutschland in der Kategorie »Digitale Kompetenzen« Platz 23 von 28; 49 Prozent der Deutschen besitzen demnach nur grundlegende digitale Kompetenzen – und der Ruf nach Fachkräften im IT-Bereich wächst. Der Mangel erschwert die digitale Transformation, während die hohe Nachfrage nach IT-Fachkräften die Löhne in die Höhe treibt, was besonders kleine und mittlere Unternehmen belastet.

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