10.10.2024 | Fachthemen Seite 44-50 in Ausgabe 6/2024

Wirtschaftsstandort Deutschland: Energiewende – Zurücklehnen und Popcorn essen

In den letzten Jahrzehnten wurden viele Themen, die die deutsche Wirtschaft heute massiv belasten, auf die lange Bank geschoben: seien es die gegensteuernden Maßnahmen für den lange angekündigten demografischen Wandel, Steueranpassungen, Digitalisierungsaus- und Bürokratieabbau oder wichtige Bildungsinvestitionen. Bei der grünen Energiewende mit dem Titel »Klimaneutralität bis 2045« aber hat die Industrienation Deutschland eine Vorreiterrolle eingenommen, bei der sich das Ausland wie im Kino neugierig zurücklehnen und abwarten kann, was die Sneak Preview so bringt. Wird es ein Film mit Happy End, ein Drama oder gar ein Katastrophenfilm? So viel ist sicher – »spannend« wird es auf jeden Fall. Denn wie der Regisseur, Bundesklimaschutzminister Robert Habeck, schon verriet, ging man diesmal »lieber voll ins Risiko, vielleicht gelingt es ja auch. Und dann können wir alle miteinander […]« (ZDF heute, 11. Januar 2022) … Popcorn essen!

Welche Erwartungen er an die Energiewende hat und ob es seiner Meinung nach ein gutes oder ein schlechtes Ende nehmen wird, das hat OBJEKT den deutschen SPD-Politiker, Manager, Wissenschaftler und Buchautor Prof. Dr. Fritz Vahrenholt gefragt.

Ziel des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) ist es, Deutschland in ein klimaneutrales Hochindustrieland zu transformieren. Wie optimistisch sind Sie, dass uns dies gelingen wird, und ist es überhaupt realistisch, einen Industriestandort wie Deutschland ausschließlich mit erneuerbaren Energien, die nicht grundlastfähig sind, zu betreiben?
Das wird nicht gelingen. Dafür gibt es drei Gründe: Windenergie- und Solarstrom sind teurer als die herkömmliche Stromversorgung. Das erkennen Sie allein schon daran, wenn Sie die Subventionen von 20 Milliarden Euro allein in 2024 aus dem Bundeshaushalt auf die 200 Terrawattstunden (TWh) Strom aus erneuerbaren Energien umlegen. Das sind 10 Eurocent pro Kilowattstunde.

"Der Wind kostet nichts und die Sonne schickt auch keine Rechnung, aber der Windkrafthersteller schon – ich war ja mal einer." Prof. Dr. Fritz Vahrenholt (René will Rendite, 25. Februar 2024)

Das zahlen die Steuerzahler. Würde dies auf den Strompreis umgelegt, wäre eine wirtschaftliche industrielle Produktion durch erneuerbaren Strom in Deutschland nicht mehr möglich. Zweitens: Wind- und Sonnenstrom ist nicht zuverlässig. An 130 Tagen des Jahres weht kaum Wind in Deutschland. Wir wissen aber nicht an welchen Tagen. Die Sonne scheint im Winter kaum und nachts gar nicht. Solar- und Windstrom über Wasserstoff zu speichern und wieder zu Strom zurückzuverwandeln ist viermal so teuer wie der Ausgangsstrom. Drittens: Es sind gewaltige Investitionen von 500 Milliarden Euro in den Netzausbau überregional und regional zu stecken. Auch dieses Geld fehlt woanders – zum Beispiel im Wohnungsbau.

Die regierenden Politiker nennen gerne Russland als Hauptgrund für die steigenden Energiepreise in Deutschland. Wo liegen für Sie primär die Ursachen?
Beim Strompreis ist das eindeutig falsch. Der Strompreis stieg schon 2021 lange vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine auf das Vierfache an, weil die CO₂-Preise durch die Europäische Kommission in voller politischer Absicht nach oben getrieben wurde, um die erwünschte Transformation zu einer grünen Wirtschaft zu beschleunigen. Deutschland verschärfte die Krise noch dadurch, dass es Kernkraft- und Kohlekraftwerke stilllegte. Die Strompreisexplosion und die Gefährdung industrieller Arbeitsplätze ist politisch bedingt.

Wie »grün« ist Ihrer Meinung nach die Energiewende? Welche Dinge -hätte man anders machen oder am besten ganz sein lassen sollen?
Was die CO₂-Bilanz betrifft, hat die Energiewende nur dazu geführt, dass in den letzten 20 Jahren Kernenergiestrom durch Wind- und Solarstrom ersetzt wurde, aber zu 500 Milliarden Euro höheren Kosten. Wenn ich mir die Zerstörung von Habitaten in deutschen Wäldern durch Windkraftanlagen anschaue, dann ist die damit verbundene Naturzerstörung, die Vernichtung von Greifvögeln und Fledermäusen, eine Missetat gegen den Naturschutz.

Immer mehr Unternehmen gehen insolvent oder wandern ab – und mit ihnen das Know-how und der Wohlstand des Landes. Wie lange halten wir das noch aus? Haben Sie Lösungsvorschläge, wie unser Land die Energiekrise mittelfristig überwinden könnte?
Ja. Die letzten Kernkraftwerke reaktivieren, Kohle- und Gaskraftwerke mit einer CO₂-Abscheidung ausrüsten und am Netz lassen, das EEG abschaffen. Wenn sich Solar- und Windenergie wirtschaftlich trägt, ist das willkommen. Aber nach 20 Jahren der Subvention ist die Zeit der Milliardenlöcher vorbei. Und die 500 Milliarden für den Netzausbau müssten in die Energieforschung und in den Erhalt der industriellen Arbeitsplätze in Deutschland gesteckt werden.

Der Schaden, etwa durch den kompletten Atomausstieg, ist angerichtet. Ist es überhaupt möglich, jemals wieder zum »alten Glanz« zurückzukehren?
Das wird ein längerer, schmerzvoller Weg von zwei bis drei Legislaturperioden, das zu korrigieren, was durch die Ampel und die vormalige Bundeskanzlerin Angela Merkel kaputtgemacht worden ist.

Was sind die Folgen, wenn wir durch die hohen Energiepreise als Wirtschaftsstandort an Bedeutung verlieren? Haben Sie einen Appell an diedeutsche Bundesregierung? Und auch speziell an die deutsche Baubranche?
Hohe Wohlstandsverluste sind die Folge, wenn hier keine Kurskorrektur vorgenommen wird. 750 000 Arbeitsplätze der Automobilindustrie, 500 000 Arbeitsplätze der Metallindustrie und 500 000 Arbeitsplätze der Chemieindustrie sind gefährdet. Auch das Leiden der Baubranche hat politische Gründe. Allen kann ich nur zurufen: durchhalten. Deutschland wird sich besinnen und den Kurs korrigieren. Der Absturz der Grünen in den Umfragen ist der Vorbote dieser Korrektur.

"Deutschland ist das größte Freiluftlaboratorium auf dem Energiesektor." Christoph Frei Generalsekretär des Weltenergierates (rbb-Inforadio, 31. Januar 2015

Wie denkt wohl das Ausland über uns? Sind wir tatsächlich Vorbild oder eher ein abschreckendes Beispiel?
Keiner folgt unserem Beispiel. Alle anderen Länder setzen auf einen Mix von Kernenergie, erneuerbaren Energien und fossilen Quellen. Wir haben – wie das Wallstreet-Journal titelte – »die dümmste Energiepolitik der Welt«, weil nicht von Fachleuten, sondern von grünen Träumern entworfen. Energie für ein Hochindustrieland allein aus zwei unzuverlässigen Quellen erzeugen zu wollen – das geht schief.

Zuerst kommt das Fressen
Mahner zu mehr Pragmatismus statt übereiltem Aktivismus gibt es viele. So ging unter anderem auch der Ökonom und ehemalige ifo-Präsident Hans-Werner Sinn scharf mit der deutschen Energiewende ins Gericht und sprach aus, was logisch ist: »Nur die Europäer und ein paar andere grün gesinnte Länder machen mit. Und weil das so ist, fließt das Erdöl, das die grünen Länder nicht mehr verbrauchen, über die Märkte zu fallenden Preisen in andere Länder und wird dort verbrannt. In der Erde bleibt es jedenfalls nicht« (NZZ,
3. September 2024). Auch der russisch-britische Satiriker Konstantin Kisin führte das Thema in einer viral gegangenen Rede zu Studenten der Universität Oxford weiter aus und erklärte eindrücklich, dass man etwa Länder wie China mit teils großer Armut und dem Status eines Entwicklungslandes nicht davon überzeugen könne, für die »Rettung der Welt« arm zu bleiben (Konstantin Kisin, X, 13. Januar 2023). Denn wie heißt es? »Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.«

"Wir haben gegenüber dem Bezugsjahr 1990 beim CO₂-Ausstoß einen Rückgang um 40 Prozent erreicht. Das lag im Wesentlichen am Unter­gang der DDR-Industrie. Jetzt wollen wir die übrigen 60 Prozent in 20 Jahren schaffen. Das geht nur durch eine ­Deindustrialisierung des Landes." Prof. em. Dr. Dr. h.c. mult. Hans-Werner Sinn NZZ, 3. September 2024

Von einer Vorbildfunktion für Deutschland herrscht in einem Großteil der Welt jedenfalls keine Spur: Stattdessen ist etwa die weitestgehend CO₂-freie, von der EU-Kommission in der Taxonomie positiv eingestufte Atomkraft in Ländern wie Frankreich, Indien und den USA weiter im Kommen; in China werden neben dem Ausbau der Atomkraft zudem durchschnittlich zwei Kohlekraftwerke pro Woche genehmigt, obwohl sich die zweitgrößte Volkswirtschaft erst 2020 offiziell zum Ziel gesetzt hatte, bis 2060 »klimaneutral« zu sein (Tagesschau, 29. August 2023). Wenn schon, dann sollten sich die wohlstandsverwöhnten Klimakleber also lieber erst mal auf den langen Marsch nach China machen und sich dort auf den Platz des Himmlischen Friedens kleben, statt Deutschland als »Klima-Schurken« (FFF-Initiatorin Greta Thunberg, 24. September 2021) zu bezeichnen. 

Im guten Mittelfeld
Denn natürlich hat ein hoch entwickeltes Industrieland wie Deutschland einen höheren CO₂-Fußabdruck pro Kopf als etwa Länder wie Puerto Rico oder Bhutan. Dafür werden hierzulande aber auch Maschinen, Materialien, Güter und Halbfabrikate nicht nur für den Eigenbedarf, sondern für die Anwendung in der ganzen Welt energieintensiv hergestellt. Welchen Ländern die Kombination aus Wirtschaftswachstum und »Klimaschutz« am besten gelingt, zeigt sich daher erst, wenn das Bruttoinlandsprodukt ins Verhältnis zur ausgestoßenen CO₂-Menge gesetzt wird. So ist China mit einem Anteil von rund 34 Prozent an den globalen Kohlenstoffdioxid-Emissionen zwar der weltweit größte CO₂-Emittent (Statista, 2023), die CO₂-Emission pro Kopf ist verteilt auf die hohe Bevölkerungszahl jedoch geringer als etwa in den USA oder in Deutschland – und die Rechnung damit krumm. Tatsächlich steht Deutschland trotz Atomausstieg und anderen Herausforderungen in seiner CO₂-Bilanz immer noch gut da. So liegt die deutsche CO₂-Emission im EU-Vergleich mit 8,9 Tonnen pro Kopf zwar im hinteren Feld, setzt man diese Emissionen aber mit der Wirtschaftsleistung in Form des BIP ins Verhältnis, dann spielt Deutschland mit rund 229 Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Mio. Euro plötzlich im guten Mittelfeld mit. 
Und natürlich birgt ein Industrieland wie Deutschland auch ein größeres CO₂-Einsparpotenzial als Länder, die auf weniger energieintensive Industrien setzen – aber um welchen Preis und in welchem Tempo? Dass die Industrie abwandert, um da zu produzieren, wo es günstiger ist und gleichzeitig weniger Anforderungen an CO₂-Werte, Umweltschutz und »menschliche Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz« gestellt werden? Oder um den Preis, dass deutsche Unternehmen »einfach erst mal aufhören zu verkaufen«? (Habeck, Maischberger, ARD, 6. September 2022). Immerhin würde so schon mal die CO₂-Emission in Deutschland »erfolgreich« zurückgehen, um dann andernorts mit deutlich weniger Achtsamkeit und in x-facher Menge in die Luft geblasen zu werden. 

Abgewatscht
Tatsächlich sollte es vielmehr Ziel der Politik sein, so viele Unternehmen wie möglich in einem Land zu halten, das als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nur einen Anteil von 1,5 Prozent am CO₂-Ausstoß hat, große Fortschritte im Umweltschutz vollbringt und sich außerdem als große Leistung auf die Fahne schreiben kann, seine CO₂-Emissionen seit der Wende um rund 40 Prozent reduziert zu haben.

"Wir müssen in unserer Politik extrem radikal sein. Und wir werden nicht mehr […] in der Art Wohlstand leben, die wir bisher hatten. Es wird ein anderer Wohlstand sein – ein Wohlstand des Weniger." Katrin Göring-Eckhardt ARD, Anne Will, 21. November 2022

 Bei den letzten Landtagswahlen wurden die Grünen jedenfalls gerade ordentlich abgewatscht und auch die Jugend glaubt ganz offensichtlich nicht mehr an das »grüne Wirtschaftswunder«. Obwohl es sich laut Slogan doch eigentlich um »das gute Klima für ihre Zukunft« dreht, bekamen die Grünen in der U18-Wahl für das EU-Parlament 2024 nur noch von 13,8 Prozent der Jugendlichen Zuspruch. Bei der Bundestagswahl 2021, die medienwirksam von den klimabewegten FFF-Protesten begleitet wurde, waren es noch fast 32 Prozent (wahlen.u18.org). Möglicherweise hat die Jugend unter anderem ja erkannt, dass es irgendwann ans »Fressen« gehen könnte mit einer Regierung, die an der Wirtschaftskraft und damit am Wohlstand ihres Landes sägt und ihr gleichzeitig das erste eigene Auto, ein eigenes Haus, den heimeligen Kamin, das Essen von Fleisch und den Traumurlaub madig machen möchte – während sich die Welt drumherum einfach weiterdreht. 

Dystopie
Tatsächlich klingen die Aussagen etwa von Ulrike Herrmann, TAZ-Wirtschaftsredakteurin und ruhendes Mitglied der Grünen, regelrecht dystopisch, wenn sie frank und frei ausspricht, wohin es ihrer Meinung nach in letzter Konsequenz führen könnte – ihr zufolge sei »unsere Zukunft« eine Art britische Kriegswirtschaft ab 1939 mit staatlicher Planung und Rationierung, um so aus einem dynamisch wachsenden Kapitalismus in eine kleine Kreislaufwirtschaft – das sogenannte »grüne Schrumpfen« – zu transformieren (»Ende des Kapitalismus«, Ulrike Herrmann, Ed. 2022).

"Man muss sich klarmachen, dass Klimaschutz den totalen Umbau bedeutet. […] Dann ist klar, dass es das grüne Wachstum nicht geben wird. Sondern was wir hier haben werden, ist grünes Schrumpfen. Das heißt, wir müssen raus aus dem Kapitalismus. Also wenn man das erst mal kapiert hat, okay, Ökoenergie bleibt knapp und teuer, dann ist natürlich die interessante Frage, wofür reicht sie und wofür nicht." Ulrike Herrmann Ökozid, Schauspiel Stuttgart, 6. Januar 2022

Ebenso erklärte sie bei einem taz-Interview ganz unverblümt: »Man kann nicht die ganze Zeit volatile Energie ausbauen, ohne dass es Speicherkapazitäten gibt. […] Wie das überwunden werden soll, wurde überhaupt nie diskutiert, weil man einfach von der Fiktion ausgegangen ist, das mit dem grünen Wachstum wird schon irgendwie. Jetzt dämmert es den Experten, dass es mit den Speichern schwierig wird. […] Wenn man den Wählern jetzt aber sagen würde: Wisst ihr was? Wir müssen raus aus dem Wachstum, der Verbrauch muss sich halbieren, Kapitalismus ist auch nicht mehr. […] Dann sagt jeder, okay, das Thema lassen wir mal lieber. Und stattdessen tun wir eben so, als könnte man das alles mit Windrädern irgendwie ganz angenehm gestalten« (taz lab, 8. Juli 2022).
Schon jetzt fängt es an, nicht mehr »ganz angenehm« zu sein – dabei ist Deutschland noch ziemlich am Anfang der sogenannten »Rationierungen«. Was Herrmann sich darunter vorstellt, klingt derweil wie eine Ideologie in den wirtschaftlichen Untergang und das Ende der persönlichen Freiheiten – und wird daher hoffentlich für immer bloß eine düstere Dystopie des »totalen Umbaus« bleiben:
»Sie (die Ökoenergie) wird nicht reichen fürs Flugzeug. […] Aus meiner Sicht wird die Ökoenergie auch nicht für die privaten Autos reichen. Das E-Auto ist aus meiner Sicht […] eine Sackgasse. Das ist aber nicht das Ende der Mobilität, man kann ja auch Bus fahren. […] Zum Beispiel ist klar, dass die Banken, so wie wir sie kennen, keine Zukunft haben, denn einen Kredit kann man nur zurückzahlen, wenn es Wachstum gibt. […] Millionen von Menschen brauchen dann neue Arbeitsplätze. […] Das wird auch kein Problem sein, es wird auch neue Arbeit geben. Der Klimaschutz selbst wird schon enorme Mengen an Arbeit verursachen, denn ein Windrad lässt sich ja nicht von selbst aufbauen und auch der Ökolandbau, den man dann braucht. Also, industrielle Landwirtschaft hat auch keine Zukunft. Die Wiederaufforstung des Waldes und so, da sind viele, viele Menschen beschäftigt. Nur da gibt es dann wieder ein Missverständnis, das sehr häufig ist, nämlich die Leute denken, okay, dann habe ich ja Arbeit und dann habe ich das gleiche Einkommen wie jetzt. Nee! Man hat Arbeit, aber eben nicht das gleiche Einkommen, weil es gar nicht die gleichen Mengen an Gütern gibt, die man noch konsumieren kann (Gastbeitrag Ökozid, Schauspiel Stuttgart, 6. Januar 2022).

Das Aus für die Kernkraft
1998 stach das »Narrenschiff Utopia« (CSU-Ministerpräsident von Bayern a.D. Franz-Josef Strauß, CSU-Parteitag am 6. Oktober 1986) in See und legte unter rot-grüner Flagge die Abkehr von der Atomkraft bis 2021 gesetzlich fest. Mit der schwarz-gelben Regierung ab 2009 sollten die Laufzeiten der AKW hingegen wieder verlängert werden – was zuvor sogar ein zentrales Wahlkampfthema beider Parteien gewesen und in ihrem Koalitionsvertrag verankert worden war. Zu einem Kurswechsel – quasi »um 360 Grad« – kam es aber, als ein Erdbeben der Stärke 9,0, gefolgt von einem Tsunami, eine Nuklearkatastrophe in Fukushima/Japan auslöste. Fernab von tektonischen Platten nahm die damalige Bundesregierung dies in Deutschland zum Anlass, um den beschleunigten Atomausstieg zu beschließen und die sofortige Abschaltung von acht Reaktoren zu veranlassen. In der Regierungszeit von Bundeskanzlerin a.D. Angela Merkel wurden elf der insgesamt 17 Atomkraftwerke abgeschaltet, drei weitere gingen gute drei Wochen nachdem die Kanzlerin aus dem Amt ausgeschieden war vom Netz.

"Wir haben hervorragende Anlagen aus dem Markt ­genommen. Wir haben das Angebot reduziert und das zu einem Zeitpunkt, zu dem wir durchaus eine Knappheit hatten. Ich habe das akzeptiert, aber dass ich das gut befinde, das werden Sie in diesem Leben nicht mehr erleben. […] Der Point of no return, an dem man ein AKW, das abgeschaltet wurde, gar nicht mehr hochfahren kann, ist glaub ich schon erreicht. […] Das würde eine politische Entscheidung bedeuten, die ich absolut nicht sehe. […] Technisch ist nie die Frage bei der Kernenergie. Bei der Kernenergie ist immer die Frage Politik, technisch ­können wir das, aber das ist nicht das Thema." Leonhard Birnbaum Eon-Vorstandschef
NTV, 9. August 2023

Für die drei letzten aktiven Atomkraftwerke gab es angesichts der Energiekrise 2022 gnädigerweise einen Aufschub seitens der Ampel-Regierung, bis auch sie schließlich – dem internen Expertenrat des Wirtschaftsministeriums offenbar widersprechend (Focus, 25. April 2024) – am 15. April 2023 abgeschaltet wurden. Diese hatten in ihrem letzten Betriebsjahr insgesamt 29,5 TWh Strom erzeugt und damit immerhin 6,3 Prozent des Stromverbrauchs in diesem Zeitraum gedeckt (tagesschau.de, 15. April 2024). Die Bedenken von rund zwei Dritteln der deutschen Bevölkerung, die sich laut einer Umfrage im Deutschland-Trend (ARD-Morgenmagazin, dimap, 14. -April 2023) noch gegen den endgültigen Atomausstieg ausgesprochen hatte, wischte Bundesklimaschutzminister Habeck als »unumkehrbar« vom Tisch (welt.de, 11. April 2023). 
Während hierzulande ohne Not also CO₂-freie Backup-Kapazitäten vom Netz genommen wurden, setzen andere Länder weiterhin auf Atomkraft – unter anderem Japan. Und auch die Ukraine wird weiter an der Atomkraft festhalten, was für Habeck »völlig klar« zu gehen scheint: »Das ist auch in Ordnung, solange die Dinger sicher laufen. Die sind ja gebaut« (ARD, Anne Will, 6. April 2023). In Deutschland wird die Netzstabilisierung bei Bedarf derweil noch unter anderem durch CO₂-emittierende Kohlekraftwerke und meist gefracktes, die Umwelt stark belastendes LNG-Gas aus den USA übernommen. Und ja, auch Atomstrom wird aktuell weiter genutzt – es ist jetzt bloß nicht mehr der eigene.

Das teuerste Eis der Welt
Von der Kugel Eis, die die Energiewende den deutschen Durchschnitthaushalt pro Monat kosten sollte (Umweltminister a.D. Jürgen Trittin, 2004; damaliger Preis für eine Kugel: 50 Cent) ist längst keine Rede mehr und auch die Stimmen zum versprochenen »grünen Wirtschaftswunder« verstummen leise. Seitdem sind bereits hunderte Milliarden Euro in staatliche Förderungen für erneuerbare Energien geflossen; in diesem Jahr werden sie nun laut Wirtschaftsforschern des RWI mit 23 Milliarden Euro sogar einen neuen Höchstwert erreichen und damit die Prognosen der Bundesregierung noch einmal deutlich übertreffen (tagesschau.de, 15. August 2024). 
Schon allein der Ausbau der notwendigen Netzinfrastruktur für die erneuerbaren Energien wird viel mehr kosten als ursprünglich angekündigt: Hatte die Bundesnetzagentur für das Übertragungsnetz zuvor bislang Investitionen von 209 Milliarden Euro bis 2037 und für das Verteilnetz von 42,3 Milliarden Euro bis 2032 veranschlagt, erwartet sie in einer korrigierten Stellungnahme Anfang des Jahres für das Übertragungsnetz nun einen Bedarf von 300 Milliarden Euro bis 2045 und für das Verteilnetz von 150 Milliarden Euro bis 2045. Insgesamt könnte der Investitionsbedarf in die Stromnetze also bis 2045 bei rund 450 Milliarden Euro liegen, was eine Erhöhung von 200 Milliarden Euro im Vergleich zur vorherigen Schätzung bedeuten würde (Focus Online, 25. Januar 2024). In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und von anderen Experten werden die Kosten für den Übergang zu einer CO₂-neutralen Wirtschaft oft im Bereich von mehreren hundert Milliarden bis zu über einer Billion Euro bis 2045 geschätzt – was wahrlich ein teures Eis wäre, dessen Kugel nicht nur viel Geld, sondern auch Existenzen kosten wird.

Der Gashahn wird zugedreht
Ausstieg aus der Kernenergie – Check; Ausstieg aus dem Kohlestrom – für 2038 vereinbart, soll aber auf 2030 vorgezogen werden; jetzt geht es dem Gasnetz an den Kragen. Nachdem Habeck bei einem Bürgerdialog Ende Mai noch eingeräumt hatte, dass er mit seinem umstrittenen Heizungsgesetz zu weit gegangen sei und das Gebäudeenergiegesetz »ehrlicherweise ein Test« gewesen war, um zu sehen, wie weit die Bevölkerung bereit wäre, »für Klimaschutz auch Belastungen in Kauf zu nehmen«, kommt das Aus für die Gasheizung nun offenbar durch die Hintertür. Ausgehend von der Annahme, dass durch das Bundes-Klimaschutzgesetz bis 2045 immer weniger Kunden Gas nutzen und sich dadurch die Gasnetzentgelte auf weniger Schultern verteilen, hat die Bundesnetzagentur beschlossen, dass Gasnetzbetreiber ihre Investitionen nun schneller abschreiben dürfen – mit der Folge, dass sich die Gaspreise ab dem 1. Ja-nuar 2025 voraussichtlich um 20 bis zu 40 Prozent erhöhen könnten (Handelsblatt, 2. September 2024).

"Wir wollen zukünftig systemdienliches Verbrauchs­verhalten der Industrie ­besonders anreizen. Industrie und Gewerbe sollen reduzierte Netzentgelte zahlen, wenn sie in Situationen mit hohem Stromangebot mehr Strom verbrauchen. Andersherum erhalten sie auch dann eine Reduktion der Netzentgelte, wenn sie in Zeiten eines ­knappen Stromangebots weniger Strom verbrauchen." Klaus Müller Präsident der Bundesnetzagentur, 24. Juli 2024

Es erinnert etwas an den Atomausstieg, bei dem ebenfalls die Axt an funktionierende Infrastruktur gesetzt wurde, um unwiederbringliche Tatsachen vor einer funktionierenden Alternative zu schaffen. Durch die forcierte Abwendung vom Gas wird laut Lobbyisten und Experten nun auch ein Großteil des bundesweiten Gasnetzes (Gesamtlänge: 550 000 km, Gesamtwert: 270 Milliarden Euro) der Energiewende zum Opfer fallen. Während Teile davon künftig zwar noch für den Transport von Wasserstoff umgerüstet werden sollen, wird ein erheblicher Teil des Erdgasnetzes über das Jahr 2045 hinaus nicht mehr genutzt und stattdessen stillgelegt oder ganz zurückgebaut werden.
Nach Plänen der Bundesregierung sollen 2030 bereits 80 Prozent des Stroms für den Industriestandort Deutschland aus erneuerbaren Energiequellen stammen; bis spätestens 2045 soll die Energieversorgung dann komplett umgestellt worden und Deutschland »klimaneutral« sein. Als Backup für den unsicheren Flatterstrom müssen verlässliche Energiequellen mit doppelten Fixkosten bereitgehalten werden. Hierbei setzt die grüne Energiestrategie auf Wasserstoff, für den jedoch nicht nur enorm hohe Investitionen und verlässlicher Strom für die Erzeugung, sondern auch Fachkräfte und die nötige Infrastruktur erforderlich sind. Zudem ist die Herstellung mit hohen Energieumwandlungsverlusten sowie Einbußen durch Transport und Verteilung verbunden. Der Plan der Ampel sieht daher vor, durch milliardenschwere Subventionen die Produktion im Inland bis 2030 auf rund 130 TWh zu erhöhen und einen Großteil des deutschen Wasserstoffbedarfs mittel- bis langfristig durch Importe aus dem Ausland zu decken.

Der promovierte Chemiker Prof. Dr. Fritz Vahrenholt war von 1991 bis 199... mehr

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