10.10.2024 | Fachthemen Seite 38-40 in Ausgabe 6/2024

Wirtschaftsstandort Deutschland: Fachkräftemangel – Vogel-Strauß-Taktik

Die Suche nach Fachkräften gestaltet sich hierzulande zunehmend schwierig und bleibt zudem immer öfter erfolglos – sei es im Gesundheitswesen, in der Pflege und Betreuung, in Gastronomie, Logistik und Verkehr, Technik und IT oder bei den Handwerkern und in der Baubranche. Da dieser Mangel an qualifiziertem Personal sogar bis hin zum betrieblichen Stillstand führen könnte, wird er mit gutem Grund von 56 Prozent der deutschen Unternehmen inzwischen als größtes Geschäftsrisiko der Zukunft eingeschätzt (Statista, 4/2024). Dabei kam die Krise mit Ansage – dennoch hat es die Politik über Jahre versäumt, ein Gesamtkonzept aufzustellen, um dem mittlerweile allgegenwärtigen Problem rechtzeitig Herr zu werden.

Den Kopf in den Sand zu stecken ist selten eine Lösung – besonders nicht in der Politik, wenn es darum geht, eine Industrienation wie Deutschland in die Zukunft zu führen. Dabei musste man wahrlich kein Statistiker sein, um nach einem Blick in die deutsche Bevölkerungspyramide zu erkennen, dass es allein schon aufgrund der demografischen Entwicklung knapp werden würde. Wirtschaftsexperten hatten davor gewarnt, denn bereits 1972 begann der Jugendsockel zu schwinden und aus der einstigen Pyramide wurde – sinnbildlich passend – eine Urne, die früh den Abgesang ankündigte und schon damals sofortiges Handeln erfordert hätte.
Statt aber an wichtigen Stellschrauben wie etwa einer gesunden Familienpolitik, einem guten Bildungssystem und peu à peu an einer qualifizierten Einwanderung zu drehen und dadurch dafür zu sorgen, dass junge, gut ausgebildete Menschen auf den Arbeitsmarkt nachrücken, war das Problem offenbar nie akut genug und wurde daher von den Regierenden jeweils von einer Legislaturperiode zur nächsten verschleppt.

Im Ungleichgewicht
Die Vogel-Strauß-Taktik ist nach hinten losgegangen und das Erwachen erleben wir jetzt. Gab es in den frühen 2010er Jahren noch 60 000 bis 200 000 offene Stellen für Fachkräfte, konnten 2023 bereits rund 570 000 Stellen nicht besetzt werden (Institut der deutschen Wirtschaft, IW, 8/2024). Und es wird noch mehr Sand ins Getriebe kommen, denn ein Großteil der heutigen Erwerbstätigen gehört zur Generation der sogenannten »Babyboomer«, die in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand gehen werden.
Um im Straußen-Gleichnis zu bleiben: Auch die Bildung versinkt immer tiefer im sandigen Morast und sorgt dafür, dass ein wachsender Teil der Bevölkerung unter ungünstigsten Bedingungen in das Erwerbsleben startet. Sicherlich gut gemeinte Ansätze wie Inklusion, Schreiben nach Gehör oder der Wegfall des Wettkampfgedankens bei den Bundesjugendspielen führen zu einer Gleichmacherei, die den Leistungsanspruch der »Jugend von heute« oftmals untergräbt.
Große Klassen, sinkende Anforderungen, gestrichene Unterrichtsstunden, fehlende häusliche Unterstützung, marode Schulen und Sprachbarrieren legen eine weitere Schippe drauf, um die Wissensvermittlung zu erschweren und den Lehrerberuf unattraktiv zu machen. Gleichzeitig führen paradoxerweise gerade die gesunkenen Anforderungen dazu, dass immer mehr Abgänger ihre Schullaufbahn mit dem Abitur beenden und sich im Anschluss für ein Studium entscheiden – was dann wiederum die Engpässe in den wertschöpfenden Ausbildungsberufen verschärft.
Im »Land der Dichter und Denker« erreichen mittlerweile nur noch 25 Prozent der Viertklässler im Bereich der Lesekompetenz das für die weitere Schullaufbahn erforderliche Mindestniveau (IGLU-Grundschulstudie, 5/2023). Gleichzeitig verfügen fast 30 Prozent der Schüler in Deutschland nur über rudimentäre mathematische Kenntnisse (PISA-Studie, 12/2023).Trauriger »Fun-Fact«: In einer Umfrage von Bitkom Research (3/2018) gaben 56 Prozent der 14- bis 29-Jährigen an, Influencer als einen richtigen Beruf zu sehen. 35 Prozent der Befragten würde die Tätigkeit selbst gerne ausüben.

"Eine beispielhafte Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft macht die Misere deutlich: Demnach wird im Jahr 2029 ein großer Teil des Jahrgangs 1964 mit rund 1,4 Mio. Menschen in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig wird der Jahrgang 2009, in dem nur rund 736 000 Menschen geboren wurden, neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Dies führt zu einer Differenz von etwa 670 000 potenziellen Erwerbstätigen (IW, 2022). In den nächsten 15 Jahren werden dann bereits ins­gesamt 12,9 Mio. Erwerbs­personen das gesetzliche Rentenalter erreicht haben." DeStatis 8/2022

Eine ganze Wagenladung
Durch die Digitalisierung und den technologischen Wandel kam noch eine ganze Wagenladung Sand zusätzlich obendrauf. Beide Faktoren erfordern jeweils neue Kompetenzen und Fähigkeiten, die nicht immer ausreichend in der Ausbildung vermittelt werden, für die Bewältigung der neuen Herausforderungen in den Unternehmen jedoch dringend erforderlich sind. 
Und als wäre es nicht längst genug, sind da einerseits die inländischen Fachkräfte, die immer öfter Deutschland verlassen, während andererseits die Einwanderung von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland durch bürokratische Hürden erschwert wird (IHK, 2023). 
Die Migranten, die in den letzten Jahren im Zuge der teils unkontrollierten Flüchtlingsströme nach Deutschland eingewandert sind, konnten die Fachkräftelücke im Gegenzug bei weitem nicht schließen und waren kaum mehr als »ein Tropfen auf den heißen Sand«.

"Nur etwa 10 Prozent der ­kleinen und mittelständischen Unternehmen nutzen KI-­Systeme aktiv im Arbeitsalltag. Dabei kann KI dazu beitragen, die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu sichern, den Fachkräftemangel ­einzudämmen und Arbeits­bedingungen zu verbessern." Bundesministerium für Arbeit und Soziales 9/2023

Ungenutztes Potenzial
Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes und des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) handelt es sich bei den inländischen Fachkräften, die Deutschland den Rücken kehren, jährlich um rund 210 000 gut ausgebildete deutsche Staatsbürger im Alter von 20 bis 40 Jahren. Die Tendenz ist unter anderem aufgrund wachsender Sozialabgaben steigend und eine Rückkehr in der Regel nicht angedacht. Hier gibt es beispielsweise im Rahmen der Steuerpolitik noch viel zu tun, um diesen Trend zu stoppen oder sogar umzukehren.
Zahlen einer Studie des OECD zeigen zudem, dass etwa jeder zehnte Deutsche zwischen 18 und 24 Jahren weder einer Arbeit nachgeht noch eine Ausbildung absolviert. Dies entspricht knapp 590 000 jungen Menschen, die zumindest für den unqualifizierten deutschen Arbeitsmarkt kurzfristig in Stellung gebracht werden könnten (WirtschaftsWoche, 4/2023). Nicht zuletzt bergen Arbeitslose, die in ihren Ausbildungsberufen keine angemessene Beschäftigung mehr finden, das ungenutzte Potenzial, durch Umschulungsmaßnahmen zeitnah wieder in das Berufsleben zurückfinden zu können.

Besser spät als nie
Für einige Maßnahmen ist der Lastwagen leider schon lange abgefahren, um den mittlerweile riesigen Sandhaufen noch kurzfristig wegschaffen zu können. Und trotzdem wäre es sinnvoll, den Kopf endlich aus dem Sand zu ziehen und – besser spät als nie – an den wichtigen Stellschrauben zu drehen. Doch auch die amtierende Regierung doktert weiter am Ursprung der Probleme vorbei und sorgt mit ihrer Fachkräftestrategie zwar mittelfristig für Entlastung – etwa durch den Umbau des Steuer- und Abgabensystems, Pläne für ein späteres Renteneintrittsalter (siehe Kasten) und eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen – sie erreicht dadurch jedoch nicht, dass sich Deutschland irgendwann wie Münchhausen dauerhaft selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen kann.
Die lang versäumte Familien- bzw. Kinderoffensive wird – wenn denn gestartet – frühestens in 16 Jahren Früchte tragen und auch das marode Schulsystem wird nicht von heute auf morgen wieder auf Kurs gebracht werden können – und doch kann es nicht die Lösung sein, diese elementaren Stellschrauben einfach weiter an zukünftige Regierungen weiterzureichen. Der aktuelle Zeitgeist ist weder sonderlich familien- noch besonders leistungsorientiert; hier sollten die Regierenden entschlossener handeln und günstigere Rahmenbedingungen schaffen – zum einen, damit Kinderkriegen nicht an Geld, Raum, Zeit und Zuversicht scheitert, und zum anderen, damit sich Ehrgeiz und Leistung sowohl in der Schule als auch später im Berufsleben wieder stärker lohnen.

Der deutschen Wirtschaft gehen durch den Fachkräftemangel in diesem Jahr rund 49 Milliarden Euro verloren. Dabei sind Folgekosten der Personalprobleme wie beispielsweise zusätzlicher Stress für die Belegschaft durch Mehrarbeit oder entgangene Innovation in den Firmen nicht in der Rechnung enthalten. (…) Im Jahr 2027 könnten der deutschen Wirtschaft dadurch 74 Milliarden Euro entgehen (IW, 5/2024).

Immer mehr Betriebe bieten ihren Mitarbeitern Anreize wie flexible Modelle zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf, maßgeschneiderte Angebote und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Lohnerhöhungen. Dem Missverhältnis zwischen Qualifikation und Anforderung können sie dadurch jedoch nur bedingt entgegenwirken. Speziell die höheren Löhne bergen zudem die Gefahr, dass sie »primär zu einer Verteuerung von Waren und Dienstleistungen führen. Der Fachkräftemangel würde dann zurückgehen, nicht weil es mehr Fachkräfte gäbe, sondern weil viele Menschen sich die resultierenden Preise nicht mehr leisten wollen oder können und die Arbeitsnachfrage sinkt« (IW-Kurzbericht 23/2023).

Lösung mit Zukunft?
Bis zu 400 000 Menschen aus dem Ausland – per Definition vier deutsche Großstädte – bräuchte es laut Bundesarbeitsagentur-Chefin Andrea Nahles (11/2022) jedes Jahr, um den Bedarf an Fachkräften zu decken (der familiäre Anhang ist in dieser Rechnung noch nicht enthalten). Da der Fachkräftemangel weltweit auf einem Höchststand ist – Deutschland teilt sich hier im internationalen Vergleich Platz zwei mit Griechenland und Israel (MPG-Studie 2024) –, sind dies Kräfte, die in ihren eigenen Ländern gegebenenfalls fehlen würden. Gleichzeitig landet Deutschland 2023 unter den beliebten Zielen zum Arbeiten auf Platz 49 von 53 weltweit (Umfrage InterNations). Und auch im aktuellen OECD-Ranking für »Fachkräfte-Attraktivität« platziert sich Deutschland mit Platz 15 von 38 im Mittelfeld, hinter Ländern wie Kanada, den USA, Großbritannien oder Schweden. 

Laut einer Berechnung des ifo-Instituts (8/2024) könnten die von der Bundesregierung für 2025 geplanten Änderungen bei der Rente 1,2 Mio. Menschen zu einer längeren Berufstätigkeit bewegen:
■ Anhebung des Rentenalters auf 69 ≈ 473 000 Vollzeitstellen
■ Erhöhung der Abschläge bei frühzeitigem Renteneintritt auf 0,5 Prozent pro Monat ≈ 180 000 Vollzeitstellen
■ Abschaffung der Rente mit 63 ≈ 157 000 Vollzeitstellen
■ Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Eheleuten (Kranken- und Pflegeversicherung) ≈ 150 000 Vollzeitstellen
■ Abschaffung des Ehegattensplittings ≈ 200 000 Vollzeitstellen

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